100 Jahre Freistaat Bayern

Die verlorenen Lieder der Revolution

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Volksmusikpfleger auf den Spuren der Revolution: Ernst Schusser in seinem Archiv, das im Jahr 1985 gegründet wurde.

Ernst Schusser, der Chef des Volksmusikarchivs hat Lieder über Revoluzzer-Frauen, klassenkämpferische Wilderer und zum Teufel gejagte Monarchen. Nur eines hat er nicht: die Musik der Revolution von 1918/19. 

Bruckmühl – Kürzlich wurde er wieder geweckt, der Jagdinstinkt von Ernst Schusser, 64. Ein Münchner Historiker hat im oberbayerischen Volksmusikarchiv in Bruckmühl im Kreis Rosenheim angerufen und gefragt, wie denn der Text des 100 Jahre alten „Revolutionslieds“ lautet?

Ernst Schusser, der Chef des Archivs und ein begnadeter Kenner der Materie, musste eingestehen, dass er das „Revolutionslied“ gar nicht kennt. 200 000 Lieder haben sie archiviert, aber keines, das so heißt. Es gibt Fotos der bayerischen Revolution von vor 100 Jahren, es gibt Zeitungsberichte und Tagebücher. Aber es gibt keine, so gut wie keine Lieder der Revolution (nicht nur das Liedgut der Revolution ist nahezu unbekannt. Auch die Ereignisse in den kleinen Gemeinden Bayerns abseits der Landeshauptstadt sind kaum erforscht. Dieser Aufgabe hat sich Günter Baumgartner aus Grafing angenommen).

Auf der Suche nach dem verschollenen Revolutionslied

Was haben die oberbayerischen Rotgardisten gesungen? Was haben die einfachen Menschen nach dem Ende der Monarchie gesungen? Wir wissen es nicht. Die Revolution hat keine Töne. Noch hat sie keine Töne. Denn Ernst Schusser forscht schon seit einiger Zeit. „Mir war klar, dass bei diesem unerhörten Ereignis etwas entstanden ist.“ Denn die Menschen singen, wenn sich etwas umwälzt. Revolutionen machen Lieder, das war schon immer so.

Deswegen war es nur konsequent, dass der Münchner Historiker wegen des „Revolutionslieds“ in Bruckmühl angerufen hat, hier lagert das musikalische Gedächtnis Bayerns. Denn der Historiker hat ein Tagebuch aufgetan, in dem es heißt, dass eine Wittelsbacher Prinzessin vor 100 Jahren irgendwo im Chiemgau in den Zug einsteigt und ihr gegenüber plötzlich ein rotgesichtiger Bauer sitzt. Dieser Bauer, so heißt es in dem Tagebuch, „pfiff das Revolutionslied“.

Uralte Handschriften mit Liedtexten – auch das ist Teil der einzigartigen Sammlung. Hier schlummern viele Schätze.

Seit Schusser diese Textpassage kennt, sucht er das Lied. „Es muss damals bekannt gewesen sein“, sagt er, die breite Bevölkerung muss es gesungen haben, sonst hätte es die Prinzessin nicht erkannt. So läuft Volksmusik-Forschung – sie ist Detektivarbeit. Schusser und seine Mitarbeiter gehen gerade die Liederbücher und die gigantische Sammlung durch, aber bisher hatten sie keinen Erfolg. „Ein Zufallstreffer is oiwei möglich“, sagt Schusser. Vielleicht ist das „Revolutionslied“ unter ganz einem anderen Namen archiviert.

Das Kurt Eisner-Lied: „Nachdruck verboten“

Besser lief die Geschichte beim „Kurt-Eisner-Lied“. Der Unterhachinger Ortschronist Günter Staudter hat in unserer Zeitung im Sommer erzählt, dass er ein Flugblatt mit genau diesem Liedtext im Gemeindearchiv entdeckt habe. „Das kannte ich vorher nicht“, sagt Schusser. Also nahm er Kontakt mit dem Ortschronisten auf und bekam das Eisner-Lied zugeschickt. Die erste Strophe geht so: „Vernehmet All’ die Trauerkunde/ Was sich heut’ zugetragen hat/ Ein Mord, begangen in zehnter Stunde/ Das Herz mir bricht, die graus’ge Tat./ Ein Volksbefreier, soll man’s glauben/ Dieser Tat zum Opfer fiel.“

Das Lied ist auf ein rotes Plakat gedruckt, „Verkaufspreis 20 Pfennig“ steht oben rechts. Links steht: „Nachdruck verboten!“ Weiter unten heißt es, dass man die sieben Strophen nach der Melodie von „Strömt herbei, ihr Völkerscharen!“ singen soll.

Flugblatt mit dem Eisner-Lied. Durch einen Beitrag in unserer Zeitung wurde Schusser aufmerksam.

Fliegende Händler haben es wohl kurz nach Eisners Ermordung am 21. Februar 1919 verkauft. Autor des Textes ist ein gewisser Otto Vollgold aus München. „Da forschen wir gerade noch, ob es ein Pseudonym ist“, sagt Schusser. Er freut sich narrisch, dass er dieses Flugblatt in seine Sammlung aufnehmen durfte. Bald will er das Kurt-Eisner-Lieder singen. Er übt schon. Denn es ist zwar gut, wenn Lieder archiviert werden, so sieht er es, aber vor allem müssen sie gesungen werden.

„Geh weg und lass mich hier. Ich sieh dir’s an den Augen an, du bist ein wilder Stier.“

Schusser hat Kontakt mit Museen, Heimatpflegern und Historikern. Denn die Lieder der Revolution sucht er schon seit Jahrzehnten. Es ist eines seiner Herzensthemen. „Ich wollte schon immer wissen, was die Menschen gesungen haben, als sie 1919 mit ihrer Kanone nach Rosenheim gezogen sind.“ Nach der Ausrufung der Räterepublik am 7. April 1919 wird in Kolbermoor eine Arbeiterwehr aufgestellt. Acht Tage später kommt es im benachbarten Rosenheim zu einem gegenrevolutionären Putsch. 80 bewaffnete Arbeiter aus Kolbermoor schlagen ihn mit Hilfe von Rotarmisten aus München nieder. Überlieferte Lieder aus jenen aufregenden Tagen? Fehlanzeige.

Doch eines Tages trifft Schusser einen alten Gewerkschaftler aus Bruckmühl, der ihm erzählt: „Ja, freilich gibt’s da Lieder und Schnaderhüpfl.“ Schusser fragt nach: „Welche denn?“ Der Gewerkschafter sagt: „Die, die wir in den 1950er-Jahren gedichtet haben.“

Es sind nachträgliche Lieder der Revolution, keine echten. Die bayerische Sozialdemokratie ist nach dem Zweiten Weltkrieg auf der Suche nach Anknüpfungspunkten, nach Idolen – und entdeckt die Revolution, die vor der Haustüre stattgefunden hat. Schusser hat einige der Schnaderhüpfl aufgeschrieben. Sie gehen so: „Wos werd jetzt geschehn?/ Was bringt uns die Zeit?/ Jetzt regiern d’Revoluzzer/ d’einfache Leid.“

Oder so: „Der Kini vo Bayern/ der is jetzt davo./ Er is nimma Hoheit/ a einfacher Mo.“

Der Arbeitsplatz von Ernst Schusser – das Volksmusikarchiv des Bezirks Oberbayern in Bruckmühl

Bayerische Revoluzzer interessieren Schusser schon immer. Er hat eine Sammlung von historischen Volksliedern herausgegeben – samt erklärenden Begleittexten. Die Lieder handeln von klassenkämpferischen Wilderern, von unfähigen Monarchen und von selbstbewussten Frauen, die sich Kavalieren widersetzen. Ein Lied aus dem Rottal geht so – die Magd sagt zu ihrem adligen Verehrer: „Ich will dich nicht und mag dich nicht. Geh weg und lass mich hier. Ich sieh dir’s an den Augen an, du bist ein wilder Stier.“ Ernst Schusser sagt: „Das ist eigentlich sehr revolutionär.“ Eine Magd überwindet die überlieferte Geschlechterrolle. #MeToo anno 1800 in Niederbayern.

Alle Lieder, die Schusser gesammelt hat, sind Volkslieder im besten Wortsinn. Es sind Lieder, die das Volk gesungen hat. Das macht die Arbeit des Archivs so einzigartig. Es ist gesungene bayerische Geschichte – jenseits der offiziellen Geschichtsschreibung. „Das ist das total Unbesondere, was wir machen“, sagt Schusser, „deswegen ist es auch oft verborgen.“

Oft wissen die Menschen gar nicht, dass sie was Außergewöhnliches wissen. Deswegen ganz zum Schluss ein Aufruf: Wer ein Lied der Revolution 1918/19 kennt oder sogar den ganzen Text, der kann sich gerne bei Ernst Schusser melden. „Darauf sind wir jetzt angewiesen“, sagt der Archiv-Chef.

Das oberbayerische Volksmusikarchiv

Das musikalische Gedächtnis Bayerns hat seine Heimat in Bruckmühl im Kreis Rosenheim. Dort befindet sich das Volksmusikarchiv des Bezirks Oberbayern. Ernst Schusser und seine Mitarbeiter haben seit der Gründung im Jahr 1985 200 000 Lieder, 300 000 Melodien, 22 000 Schellackplatten, 20 000 Schallplatten und 25 000 Fotos zusammengetragen. Hinzu kommen Handschriften, Instrumente und Tonbandaufnahmen. Wer ein handschriftliches Liederbuch besitzt, wer weiß, wie früher in seinem Ort getanzt wurde oder wer vielleicht sogar ein Lied oder ein Gstanzl über die Revolution vor 100 Jahren kennt, der ist herzlich eingeladen, sich zu melden. Telefon (0 80 62) 51 64, Fax (0 80 62) 86 94.

Quelle: Merkur.de