„100 Jahre Freistaat“

Staatsakt ohne Eisner: Eine  Geschichtsstunde bei der CSU

+
Sparte den ersten Ministerpräsidenten in seiner Rede aus: Bayerns amtierender Ministerpräsident Markus Söder beim Staatsakt in München.

Beim Staatsakt zum 100. Geburtstag des Freitstaats lassen die Redner um Ministerpräsident Markus Söder einen ganz bewusst aus: den Revolutionär und ersten Ministerpräsidenten Kurt Eisner.

München – Ministerpräsident Markus Söder steht auf der Bühne des Nationaltheaters in München und erklärt das mit diesem herausragenden Landstrich namens Bayern vorsichtshalber noch mal. Söder sagt, ja tatsächlich sagt er, nachdem er die historische Leistung der Wittelsbacher gelobt und den Moment erwähnt hat, als Franken ein Teil des Landes wurde: „Jeder möchte irgendwo im Herzen ein Bayer sein.“

Obersteile These, die vielleicht nicht jeder Bremer oder Hawaiianer auf Anhieb teilen wird. Aber um das geht es heute nicht. Die Staatsregierung veranstaltet an diesem Morgen einen live im BR übertragenen Staatsakt mit Ballett und Bayernhymne.

Wer wichtig ist in diesem Land, der hat eine Einladung bekommen. Landräte, Oberbürgermeister, Polizeipräsidenten und die Spitzen der Gerichte sitzen rechts. Landtagsabgeordnete, Bundestagsabgeordnete und ehemalige Mitglieder der Staatsregierung links. So steht es auf den Pfeilen im Foyer. Der normale Bürger fehlt irgendwie, einige Ränge der Oper sind leer. So viele Offizielle gibt es auch in Bayern nicht. Es ist eine durchgetaktete Heimatstunde, eine hochoffizielle Geschichtsstunde, die einiges gerade biegen soll. Vor allem die Sache mit Kurt Eisner.

Viel ist von der Bayerischen Verfassung die Rede, die Bayerns König Max I. 1818 absegnete. Gewiss, es ist Bayerns erste Verfassung, aber sie wurde von oben oktroyiert und festigte die Macht der Monarchie. Bei Söder und der neuen Landtags-Präsidentin Ilse Aigner geht es immer wieder um König Max und um Bayerns Staatsreformer Montgelas, fast gar nicht jedoch um den Initiator der Revolution, der just in der Nacht vom 7. auf den 8. November den Freistaat Bayern ausrief: den Sozialisten Kurt Eisner.

Man glaubt es kaum, aber irgendwie hat die CSU immer noch nicht ihren Frieden mit dem Geschehen von 1918 gemacht. Söder vollbringt sogar das Kunststück, in seiner Rede den Namen von Bayerns erstem Ministerpräsidenten ganz auszusparen. Stattdessen raunt er über die Ideen des bekennenden Sozialisten: Man müsse sich das nur mal vorstellen – „Bayern als Sowjetrepublik“.

Das ist sie, die doppelbödige Geschichte, die die CSU an diesem Tag erzählt: Der Freistaat wurde vom Gegenteil von uns gegründet. Trotzdem sind wir der Freistaat. Die CSU hat ein historisches Weltereignis, ein Jahrhundert-Jubiläum – und will sich unbedingt davon distanzieren, während sie es feiert. Ganz schön kompliziert. Eisner ist der Gründungsmythos, der nicht sein soll.

Die „königliche Hoheit“ im Publikum – gemeint ist Herzog Max in Bayern – wird dafür öfters erwähnt, das klingt so, als müssten sich Bayerns höchste Repräsentanten bei ihm noch nachträglich für die Revolution als Ausrutscher entschuldigen.

Das kommt nicht bei jedem gut an. „Ich fand die Rede von Dr. Söder geschichtsklitternd und geschichtsvergessen sondersgleichen“, schäumt hinterher Markus Rinderspacher, für die SPD einer der Vizepräsidenten des Landtags. Er ist sogar schärfer als Grünen-Fraktionschefin Katharina Schulze, die immerhin die Rede von Ilse Aigner lobt.

Auch nicht eingeladen beim Staatsakt: die Enkelkinder von Kurt Eisner. Es gibt sie, die Gewerkschaft Verdi hat sie ausfindig gemacht und nach München geholt (siehe Interview). Während Söder seine Rede hält, besuchen sie den israelitischen Friedhof München-Schwabing – das Grab ihres Großvaters.

Einer der Enkel ist Gerhard Eisner, 75. Er hat mit seiner Frau Blumen am Grab niedergelegt und aufgeräumt. „Es hat etwas verwahrlost ausgeschaut“, erzählt er bei Münchens OB Dieter Reiter. Reiter trifft am Nachmittag die Enkel und erklärt, dass er für ein neues Eisner-Denkmal in der Landeshauptstadt durchaus offen sei. Eine Ehrenrettung für den Verfemten sozusagen.

Immerhin: Ferdinand Kramer, als Leiter des Instituts für Bayerische Geschichte so etwas wie der Staatshistoriker, rückt in seinem Beitrag in der Oper einiges zurecht. Er beklagt auch mangelndes Geschichtswissen. „Wer kennt schon die Namen von Demokraten?“, fragt Kramer, Namen wie Bayerns Innenminister Erhard Auer (SPD) oder den umtriebigen Kultusminister Alois Hundhammer (CSU). Und er beklagt, es gebe zu wenige „Orte der Demokratie“ – wo positive Erinnerung gepflegt werden können, ohne die Schrecken des NS-Terrors auszuklammern. So ein Ort wäre auch die Münchner Prannerstraße, wo früher der erste Landtag tagte. Auf dem Weg dorthin wurde Kurt Eisner am 21. Februar 1919 erschossen.

Aber es gibt auch viele Ehrengäste, die Söders Geschichtsstunde spitzenmäßig fanden. Nach dem offiziellen Teil steht Martin Haberfellner aus Kochel am See in voller Montur in der Staatsoper. Er ist Landeshauptmann der bayerischen Gebirgsschützen und sagt: „Der Staatsakt war einfach guad. Ich habe mit einer gewissen Genugtuung zur Kenntnis genommen, dass das Bild Eisners heute zurecht gerückt wurde.“

Dann kommt zufällig Ministerpräsident Söder vorbei. Die beiden kennen sich. Der Ministerpräsident ist immer Schirmherr der Gebirgsschützen. Sie begrüßen sich herzlich, dann geht der oberste Gebirgsschütze zum Stehempfang. Aber vorher sinniert er noch kurz über Söders Theorie, wonach die Welt gerne Bayern wäre. „Das ist wahrscheinlich das Paradiesische, von dem manche glauben, dass es das nur hier gibt“, sagt Haberfellner.

Max Bertl, der Vorstand des Bayerischen Trachtenverband aus Wildsteig im Schongauer Land, geht sogar noch einen Schritt weiter. Er trägt einen Hut mit einem prächtigen Gamsbart, während er im ersten Stock des Nationaltheaters steht. „Heimat“, sagt er, „muass ma erlebn. Bayern – des muass ma ins Gfui kriang.“

Und dann, es ist die wunderbare Fortsetzung von Söders steiler These, erklärt er: „Man kann Bayern lernen.“ Seine Eigenheiten, seine Traditionen, sein Lebensgefühl. Man kann sozusagen eine Ausbildung zum Bayern machen. Auch das ist eine wunderbare Nachricht für alle Einheimischen und Zuagrosten an diesem historischen Tag. 100 Jahre Freistaat – und das Ende dieser Erfolgsgeschichte ist nicht ansatzweise absehbar.

Quelle: Merkur.de