Eine Zeitreise dank Coronavirus

Der fast vergessene Liebesbrief

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„Liebes Fräulein...“ – mit diesen Worten begann Johannes Krinner vor 51 Jahren einen besonderen Brief.

Johannes Krinner verdankt der Corona-Krise eine kleine Zeitreise. Weil er gerade so viel Zeit zu Hause verbringt, hat er seinen ersten Liebesbrief wiedergefunden. Und mit ihm die Erinnerungen an eine bezaubernde Unbekannte. Dann ist er nachdenklich geworden – und hat Füller und Briefpapier wieder hervorgekramt.

Der Tag, als sich Johannes Krinner (Name geändert) zum ersten Mal verliebte, liegt genau 51 Jahre zurück. Und die Erinnerungen sind auf einmal wieder so klar, als wäre es gestern gewesen. Es war die Osterzeit im Jahr 1969, Krinner war damals 16 und machte eine Lehre in einem Lebensmittelgeschäft in Mühldorf. Sein Chef bat ihn, eine Woche lang in einer Supermarkt-Filiale in Grünwald (Kreis München) auszuhelfen. Er saß an der Kasse, tippte Zahlen – und dann passierte es.

Ein junges Mädchen stand vor ihm, vielleicht 15, 16 Jahre alt. Lange, blonde Haare, eine tolle Figur, modisch gekleidet, sie lächelte ihn an. Johannes Krinner hatte keine Chance. „Es war, als hätte mich der Schlag getroffen“, erzählt der heute 67-Jährige. „Mir ist richtig die Luft weggeblieben.“ Natürlich haben ihn auch vorher schon gelegentlich hübsche Mädchen angelächelt, die ihm gut gefallen haben. Aber so einen Moment hatte er noch nie erlebt. „Ich habe wie in Trance die Einkäufe in die Kasse getippt und kassiert“, erinnert er sich. Noch zweimal ist er ihr begegnet. Jedes Mal im Supermarkt. Jedes Mal war er viel zu schüchtern, um sie anzusprechen. Und jede Nacht lag er dann im Bett und konnte nicht schlafen. Dann kam ihm die Idee.

„Ich habe mich entschlossen, ihr einen Brief zu schreiben“, erzählt er. Erst mal hat er schönes, zartgrünes Briefpapier gekauft, sich dann einen Füller ausgeliehen – und einen Entwurf ausgearbeitet. Das war ihm wichtig. „Deutsch war damals mein schlechtestes Fach“, erzählt er.

Dieser Entwurf ist Krinner jetzt, wo er wegen der Ausgangsbeschränkungen so viel Zeit zu Hause verbringt, wieder in die Hände gefallen. Und er musste sehr schmunzeln, als er ihn nach so vielen Jahren wieder las: „Liebes Fräulein...!“, schrieb er damals. „Zu meinem Bedauern kann ich, dazu finde ich keine Gelegenheit, Ihnen den Inhalt des Briefes nicht persönlich mitteilen. Sie werden jetzt sicher lächeln, aber ich habe mich schrecklich in Sie verliebt.“ Und weiter: „Aus Ihrem Lächeln habe ich entnommen, dass ich Ihnen auch nicht ganz gleichgültig bin. Sollte ich mich getäuscht haben, was ich jedoch noch nicht glaube, werden Sie mir sicher verzeihen. Es wäre nett von Ihnen, wenn Sie mir schnell antworten würden, da ich nicht richtig schlafen kann. In ewiger Liebe, Johannes Krinner.“

Johannes Krinner im Jahr 1969

Damals steckte er den Brief in einen Umschlag und spazierte so lange abends in der Nähe des Supermarktes durch die Straßen, bis ihm das Mädchen in Begleitung der Mutter begegnete. „Ich habe meinen ganzen Mut zusammengenommen, bin zu ihr hingegangen und habe sie gefragt, ob ich ihr den Brief geben darf“, erzählt er. Sie war verdutzt, hat ihn aber genommen.

Dann begann die unangenehmste Phase: die des bangen Wartens. Zwei Tage lang hoffte Krinner. Als er wieder zurückmusste nach Mühldorf, hatte er noch keine Antwort bekommen – und kaum noch Hoffnung. Trotzdem hat er es nie bereut, diesen Brief geschrieben zu haben, betont er. „Das erste Verliebtsein war trotzdem wunderschön“, sagt er. Aus heutiger Sicht findet er es mutig, dass er seinem Fräulein den Brief damals übergeben hat. Und auch heute noch ist er zufrieden mit den Zeilen, die er damals geschrieben hat – auch wenn der Erfolg ausblieb.

Johannes Krinner hat in den 51 Jahren danach noch einige weitere Liebesbriefe geschrieben. Einige mit der Schreibmaschine, später am Computer. Aber nie wieder einen handschriftlichen. „Der Brief ist etwas wirklich Besonderes“, sagt er. Auch wenn die anderen deutlich mehr von Erfolg gekrönt waren. In seinem Karton mit den alten Briefen und Postkarten ist der Entwurf für das Fräulein aber der einzige Liebesbrief, der ihm geblieben ist.

Und er hat ihn nachdenklich gemacht. „Gerade jetzt, wo wir unsere Lieben, die außerhalb wohnen, nicht sehen dürfen, sollten wir uns doch alle viel mehr Zeit nehmen und ihnen einen handgeschriebenen Brief schicken“, sagt er. „In der heutigen Zeit ist das doch etwas ganz Besonderes.“ Er jedenfalls will sich wieder die Zeit dafür nehmen. Vermutlich werden nicht so schöne Liebesbriefe wie der aus dem Frühjahr 1969 dabei entstehen, räumt er ein. Aber sie werden wieder von Herzen kommen. Ganz genau wie damals.

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Quelle: Merkur.de