Absolute Ausnahmesituation

Ärzte sollen knappen Grippe-Impfstoff tauschen: „Aber mit wem denn?“

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Viele Ärzte impfen – aber immer mehr nicht gegen Grippe. Ihnen fehlt der Impfstoff.

In Bayern geht der Grippe-Impfstoff aus: Reserven sind erschöpft, für eine Nachproduktion ist es zu spät. Hersteller sollen nun die letzten Reste zusammenkratzen und Ärzte untereinander die Ampullen tauschen. Für viele Mediziner funktioniert das nicht.

München Bayerns Hausärzte tun ab sofort etwas, das ihnen eigentlich verboten ist. Sie helfen sich gegenseitig mit Grippe-Impfstoffen aus. Zumindest dürfen sie das in der Theorie: So hat es die Landesarbeitsgemeinschaft Impfen (LAGI) auf einer Sondersitzung entschieden. Roger Hofmann, Hausarzt in Pöcking (Kreis Starnberg), bekommt schlechte Laune, wenn man ihn auf die unbürokratische Ausnahme anspricht: „Für mich ist das ein Witz: Mit wem soll ich denn tauschen, wenn keiner was hat?“ Er habe viele und gute Kontakte. Aber die drei Apotheker und etwa zehn Arztkollegen hätten allesamt keine Vorräte mehr. Jeden Tag müsse er eine Handvoll Menschen abweisen, die vorbereitet sein wollen, wenn die Grippewelle im Januar heranrauscht.

Auch chronisch kranke und ältere Menschen warten 

Bei all seinem Ärger betont Hofmann, dass er nur für sich sprechen könne. Doch Thomas Strassmüller aus Gmund (Kreis Miesbach) geht es genauso. Seit zwei Wochen hat er keinen Impfstoff mehr. „Die Warteliste ist auf 30 Leute angewachsen.“ Darunter seien auch ältere oder chronisch kranke Menschen. Ihnen wird die Grippe-Impfung neben Schwangeren dringend empfohlen, weil eine Influenza für sie lebensbedrohlich sein kann. Sich Ampullen von Kollegen zu besorgen, funktioniert für ihn nicht: „Wenn jemand noch zehn Dosen im Kühlschrank liegen hat, wird er sie jetzt nicht hergeben“, sagt Strassmüller.

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Die Nachfrage ist nach der schweren Grippewelle der vergangenen Saison hoch. Ein weiterer Grund dafür: Die gesetzlichen Krankenkassen bezahlen in diesem Winter erstmals den Vierfach-Grippeimpfstoff. Laut LAGI ließen sich zwischen Juli und Oktober in Bayern fünf Prozent mehr Menschen als im Vorjahr impfen.

Fakt ist: Für eine Nachproduktion ist es zu spät. Die Herstellung würde für diese Saison zu lange dauern. Die Medizinbranche muss also alles zusammenkratzen und mit den Impfstoffen auskommen, die da sind. Aber wo stecken sie denn? Das will man nun mit vereinten Kräften herausfinden. Die LAGI-Mitglieder – darunter auch Apotheker und Hersteller – waren sich in ihrer Sondersitzung einig, „Anstrengungen zu unternehmen, um noch vorhandene Bestände zu ermitteln und besser zu verteilen“. Die Kassenärztliche Vereinigung (KVB) recherchiert gerade, ob es in Bayern überhaupt Ärzte gibt, die so viele Vorräte haben, dass sie etwas davon abgeben würden. Ansonsten bleibt nur noch, sich – falls möglich – im Ausland zu bedienen.

Arzt aus Pöcking: „Für mich ist das Politik“

Der Münchner Allgemeinarzt Markus Frühwein nahm an der LAGI-Sitzung teil. Er habe den Eindruck, dass alle an einem Strang zu ziehen. Für seine Praxis nahe des Odeonsplatzes bestellte er heuer fast die doppelte Menge. „Wahnsinnig viel übrig“ sei davon aber nicht mehr. Die Hilfegesuche „von zwei, drei Kollegen“ habe er deshalb abgelehnt. Die meisten seiner sogenannten Risikopatienten seien bereits geimpft. „Es besteht kein Grund zur Panik. Ich denke, dass jeder, der eine Impfung will, auch eine kriegen wird. Heuer muss man sich nur mehr darum kümmern.“

Der Pöckinger Arzt Roger Hofmann klingt nicht so gelassen. Dass die LAGI von „Engpässen“ spricht, findet er beschönigend: „Für mich ist das Politik. Man will nicht zugeben, dass man falsch kalkuliert und falsche Empfehlungen ausgesprochen hat.“ Die Ärzte wurden von der KVB angehalten, im April zwei Drittel des voraussichtlichen Bedarfs zu bestellen – um später nachzuordern. „Wir haben nachbestellt, aber nichts mehr bekommen“, sagt der Gmunder Arzt Thomas Strassmüller. Und zu großzügig zu bestellen, ist laut Kollege Hofmann auch keine Option: „Wir sind verpflichtet, wirtschaftlich zu arbeiten. Wenn wir hunderte Dosen zurückgeben, müssten wir sie wohl selbst bezahlen. Dann fragen uns die Kassen, ob wir wahnsinnig sind.“

Quelle: Merkur.de