Unterwegs mit dem Wegefinder

Eine Alpenüberquerung – fast für jeden

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Einmal über die Alpen: Georg Pawlata hat eine Route erarbeitet, die auch normal trainierte Wanderer gehen können. Hier überquert er den Alpenhauptkamm zwischen Mayrhofen und St. Jakob im Pfitschtal.

Viele träumen davon: Einmal über die Alpen gehen. Lange war das Erlebnis wirklich fitten Alpinisten vorbehalten. Dann kam der Tiroler Georg Pawlata. Wir waren mit dem Wegefinder unterwegs, der die Alpenüberquerung auch Durchschnittswanderern möglich macht.

Tegernsee/Sterzing Eigentlich ist Georg Pawlata ein recht entspannter Typ. Vier Monate im Jahr ist der Tiroler aber extrem angespannt. Das geht schon seit sechs Jahren so. Es beginnt, wenn Mitte Juni die ersten Wanderer am Bahnhof in Gmund am Tegernsee im Kreis Miesbach aufbrechen. Und endet, wenn Mitte Oktober die letzten den Hauptplatz von Sterzing in Südtirol erreichen. „Die ganze Zeit denk ich mir: Hoffentlich kemman’s alle guat an.“

Georg Pawlata, 45, ist von Beruf Wegefinder. Er hat einen Weitwanderweg über die Alpen konzipiert, der auch für durchschnittlich trainierte Wanderer machbar ist. Seit 2014 schickt er seine Alpenüberquerer in sieben Etappen vom Tegernsee nach Norditalien. Der Geograf aus Innsbruck, ein geborener Bergfex mit braunen Locken und dem Schalk im Blick, beschreibt sich selbst als Genusswanderer. Und genau die sind seine Zielgruppe.

Georg Pawlata, 45, konzipiert von Beruf Weitwanderwege.

2004 kam Pawlata mit der Alpen-Etappe des Fernwanderweges E5 von Oberstdorf nach Meran in Berührung. Die sei zwar schön, aber nur für sehr trainierte und erfahrene Wanderer geeignet. „Jeden Tag 1000 Höhenmeter und dann auf der Hütte im Lager übernachten, das kann nicht jeder“, sagt er. Darum ging es nicht nur um leichte bis mittelschwere Wege. „Bei unserer Alpenüberquerung genießen die Leute ein schönes Abendessen, schlafen in komfortablen Unterkünften und starten fit in die nächste Etappe.“ Das Gepäck wird von Hotel zu Hotel gebracht. Und auf einigen Etappen können die Wanderer auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen, wenn sie die Füße nicht mehr weitertragen.

Alpenüberquerung von Tegernsee nach Sterzing: Rund 10.000 Wanderer pro Jahr

Inzwischen wandern pro Jahr rund 10 000 Menschen auf Georg Pawlatas Route von Tegernsee nach Sterzing, etwa 7000 buchen eine organisierte Tour oder eine geführte Gruppenwanderung. „Nur ein kleiner Teil geht geführt“, sagt Pawlata. „Die Plätze sind begrenzt und in der Regel schnell ausgebucht.“ Man kann die Route auch selbst organisiert laufen. Dafür gibt es eine eigene Wanderkarte, die der Geograf für den Kompass Verlag erstellt hat.

Eine Massenveranstaltung soll die Alpenüberquerung nicht sein. Tatsächlich ist die Zahl der Wanderer auf den einzelnen Etappen verhältnismäßig überschaubar. Man grüßt sich täglich beim Abendessen, ratscht bei einem Glas Wein an der Hotelbar. „10 000 Menschen klingt viel“, sagt Pawlata. „Aber die sind ja nicht alle gleichzeitig unterwegs.“ Die Wege, die er gewählt hat, seien zudem nicht nur die bekannten, stark frequentierten.

Rosi Tötsch führt seit 1994 das Hotel Kranebitt in  Kematen im Pfitschtal.

Das freut wiederum Hoteliers wie Rosi Tötsch. Sie leitet seit 1994 das „Hotel Kranebitt“ in Kematen im Pfitschtal. „Für uns ist die Alpenüberquerung ein absoluter Glücksfall“, sagt sie. „So viele besuchen das Tal normalerweise nicht.“ Mit Pawlatas Mehrtagestour hat sich die Auslastung ihres Familienbetriebes so verbessert, dass sie erweitert haben. „Das hat uns Gäste gebracht, die das Pfitschtal sonst nie kennengelernt hätten“, sagt sie. Dass die Gäste dabei nur eine Nacht bleiben, stört Rosi Tötsch nicht. „Klar würde sich jeder Hotelier Gäste wünschen, die gleich eine Woche bleiben“, räumt sie ein. Doch viele Wanderer kämen immer wieder. „Darauf bin ich besonders stolz.“

Wiederholungstäter gibt es auch unter den Alpenüberquerern. Die Tour sei zwar grundsätzlich für Wanderer aller Altersgruppen geeignet, die meisten aber kommen aus der Generation 60 plus. Die ältesten Teilnehmer waren 87 Jahre alt. Alle haben eines gemeinsam: Wenn sie an Tag sechs den Alpenhauptkamm am Pfitscherjoch überschreiten und den Grenzstein zwischen Österreich und Italien passieren, kommen sie bei Michael Volgger und seinem Zwillingsbruder Thomas vorbei. Deren Ururopa Alois Rainer hat 1888 das Pfitscherjochhaus gebaut, die älteste private Schutzhütte Südtirols. Ihre Saison beginnt wie die Alpenüberquerung, wenn der Schnee schmilzt.

Dann empfängt Hüttenwirt Michael, ein kräftiger Mann mit Bart, seine Gäste mit seinen beliebten Hütten-Makkaroni. Das Pfitscherjochhaus liegt an der alten Transalp-Strecke, auch Wanderer auf der Route München–Venedig kommen hier vorbei. „Aber die Alpenüberquerung von Tegernsee nach Sterzing bringt die meisten Gäste.“ Und viele Gäste, sagt Volgger in breitem Südtirolerisch, „des isch für an Hüttenwirt nia eppas Verkehrt’s“.

Die Alpenüberquerung ist kein Spaziergang

Georg Pawlata hat sich genau überlegt, wie sein Weg verlaufen soll. Fünf Jahre lang. Er hat Karten studiert, Höhenmeter gezählt, ist mehrfach auf Hindernisse gestoßen. Als die sieben Wegabschnitte endlich fertig waren, ist er zu den Verantwortlichen der Tourismusregionen gegangen, durch die sie führen: Tegernseer Tal, Achensee, Zillertal und Sterzing.

Auf dem Weg aufs Pfitscherjoch.

Anfangs wollten sie das Projekt noch „Alpenüberquerung für jedermann“ nennen. „Es war aber schnell klar, dass sie nicht für jedermann geeignet ist“, sagt Georg Pawlata. Man muss eine gewisse Grundkondition und Trittsicherheit mitbringen. Ein Spaziergang ist die Alpenüberquerung nicht. Darauf legt der Wegefinder, der auch Wanderführer ist, Wert. Als er festgestellt hat, dass auch diese Variante für manche zu viel ist, hat er eine noch gemütlichere Tour konzipiert: Die Alpenjuwelen, die von Garmisch-Partenkirchen nach Bozen führen.

Der Wegefinder ist von seinem Konzept überzeugt. Dass es so erfolgreich sein würde, hätte Georg Pawlata trotzdem nicht gedacht. „Na, nia!“, winkt er ab. „Davon hätte ich nicht mal geträumt.“ Seine beiden Weitwander-Projekte hat der Papa zweier kleiner Kinder zum Hauptberuf gemacht. Dass er damit so viele Menschen heil über die Berge bringt, macht ihn zufrieden. Auch, wenn er von Juni bis Oktober extrem angespannt ist.

Die Alpenüberquerung

Die Alpenüberquerung von Tegernsee nach Sterzing hat sieben Etappen, man läuft maximal 110 Kilometer in wechselnder Intensität. Von Gmund geht es nach Kreuth (1). Über die Blauberge führt die Route nach Achenkirch (2) und am Achensee entlang nach Maurach (3). Von dort geht es weiter über Hochfügen (4) und Mayrhofen (5) über das Pfitscherjoch nach Pfitsch (6). Auf der letzten Etappe wandert man von Pfitsch bis Sterzing – oder kürzt mit dem Bus ab. Es gibt drei Möglichkeiten, die Alpenüberquerung zu buchen: Als geführte Tour für 1350 Euro, zum individuellen Wandern mit Gepäcktransport für 1040 Euro – beides mit Halbpension – oder ohne Transport für 720 Euro, jeweils pro Person im Doppelzimmer. Für Alleinreisende gibt es drei Termine ohne Einzelzimmerzuschlag. 

Alle Informationen unter www.die-alpenueberquerung.com

Quelle: Merkur.de