Der Überlebenskampf einer Familie

Gefangen im Albtraum Pflege

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Ein großer Fortschritt: Andi Grimm trainiert zu Hause in Kolbermoor mit seiner Frau Tina das Stehen. 

Andi Grimms Leben hat sich von einem Tag auf den anderen völlig verändert. Durch eine Operation wurde er zum Pflegefall. Für jeden kleinen Fortschritt kämpft er hart. Doch immer wieder muss die Familie Rückschläge einstecken. Und dann kam auch noch die Corona-Krise dazu.

Andi Grimm zieht sich langsam nach oben. Sein Blick ist konzentriert, die Muskeln kämpfen. Er steht auf wackligen Beinen an seinem Trainingsgerät. Es hilft ihm beim Stehen, beim Ausbalancieren, beim Gewicht verlagern. All das muss er neu lernen, mit 57. Seine Frau Tina steht neben ihm, lächelt, streicht ihm aufmunternd über den Arm. Dass Andi Grimm in seinem Wohnzimmer steht, ist alles andere als selbstverständlich. Es ist ein riesengroßer Fortschritt. Doch zu jedem Fortschritt gehören viele Rückschläge.

Bis Januar 2014 war Andi Grimm ein gesunder, sportlicher Mann. Er liebt Bergtouren, ist immer in Bewegung. Bis bei einem Training sein Herz zu rasen beginnt, immer wieder setzt es aus. Eine Herzmuskelentzündung, sagen die Ärzte. Heile fast immer von selbst. Bei Andi Grimm tut sie das nicht. Eines Tages bricht er zusammen. Er braucht ein Spenderherz und hat Glück – er bekommt eins. Doch während der OP erleidet er sieben Hirninfarkte. Als er aus der Narkose erwacht, schlägt in seiner Brust ein Herz, das ihn lange am Leben halten wird. Doch es ist nicht mehr das Leben, das er geführt hatte.

Andi Grimm ist schwerbehindert. Er kann nicht mehr sprechen, nicht allein atmen, sich nicht bewegen. An jenem Tag hat für die Familie aus Kolbermoor (Kreis Rosenheim) ein Albtraum begonnen. Der Albtraum Pflege. Er hat inzwischen viele Kapitel, jedes auf andere Art schlimm. Die große Angst, dass er sich mit dem Coronavirus infizieren könnte, das sein schwacher Körper wohl nicht überstehen würde, ist nur eine Sorge von vielen, die die Familie gerade hat. Und nicht einmal die größte.

Gute Pflege ist sehr teuer - und die Ersparnisse der Familie werden knapper

Vor zwei Jahren war es das große Ziel der Grimms, dass Andi aus dem Pflegeheim nach Hause kommen kann – zu seiner Frau, zu seinem Sohn Max (wir berichteten). „Das schien uns damals unerreichbar“, sagt Tina Grimm. Doch Andi ist ein Kämpfer, er macht unfassbare Fortschritte, lernt das Sprechen wieder, trainiert eisern seine Muskeln. Genauso sehr wie er kämpft seine Frau Tina. Sie lässt das Haus umbauen, führt die gemeinsame Event-Agentur allein weiter. Und sie kämpft mit Geldproblemen und Existenzsorgen. Andi Grimm ist zwar im höchsten Pflegegrad 5 eingestuft, das bedeutet 2000 Euro Unterstützung pro Monat. Doch 2000 Euro reichen nicht ansatzweise für die Pflege, die er zu Hause braucht. Die Familie muss die Ersparnisse aufbrauchen. Tina Grimm hat Angst, dass ihr 13-jähriger Sohn und sie zu Sozialfällen werden. Gute Pflege ist teuer, sehr teuer, das hat sie schnell gelernt. Sie ist ungewollt zur Expertin geworden, wenn es um Pflegegeld, Pflegeagenturen und Pflegehilfen geht. Doch das ganze Wissen hilft nichts, wenn es keine gut ausgebildeten Kräfte gibt, die die Pflege übernehmen können.

Von dem Geld, das sie zur Verfügung hat, kann sie sich nur Pflegeagenturen leisten, die osteuropäische Kräfte beschäftigen. Sie ziehen für einige Zeit bei ihnen ein und sollen Andi Grimm im Alltag unterstützen. Seit zwei Jahren hofft die Familie immer wieder aufs Neue, wenn eine Pflegekraft bei ihnen eintrifft. Doch fast immer sind die Helfer heillos überfordert mit der Intensivpflege. Sie können oft kaum Deutsch, sind vorab nicht informiert worden, wie schwer Andi Grimms Behinderung ist. Und dann kommt es zu Rückschlägen wie an Ostern: Die Pflegerin wollte Andi Grimm in den Treppenlift setzen, dabei sind beide gestürzt. Er kann einen Sturz nicht abfangen, knallte mit dem Kopf auf, musste genäht werden. Viel schlimmer aber sind die unsichtbaren Wunden. „Es war ein riesiger Rückschlag“, erzählt seine Frau. Andi hat seitdem furchtbare Schmerzen, er kann kaum noch sprechen, hat seine Koordination verloren. An das mühsam erarbeitete Stehen oder gar an Training ist nicht mehr zu denken. Vor allem aber hat er seine Zuversicht verloren, seinen Kampfgeist. „Es bricht mir das Herz, ihn so mutlos zu sehen“, sagt seine Frau.

Der neue Rückschlag bedeutet wieder einen Neuanfang

Dieser neue Rückschlag kostet viel Kraft und Tränen. Andi Grimm hat die Therapie wieder aufgenommen. Trotz Corona. „Es hilft ja nichts“, sagt Tina Grimm. Er braucht die Therapie dringend. Auch wenn es gerade jetzt eine große Gefahr bedeutet, dass jeden Tag Therapeuten ins Haus kommen. Bei dem Sturz ist auch Vertrauen verloren gegangen – zu ausländischen Pflegekräften, die zwar ihr Bestes geben, aber mit Andi Grimms Zustand überfordert sind, weil ihnen die Ausbildung fehlt.

Tina Grimm hat wieder begonnen, Lösungen für scheinbar unlösbare Probleme zu suchen. Sie hat nun einen Eilantrag auf Sozialhilfe beim Bezirk gestellt. Kein einfacher Schritt. Aber das ständige Bitten um Spenden und Hilfe sei genauso unangenehm und beschämend, sagt sie. Ihr Hausarzt hat ihr eine Verordnung über 24-Stunden-Pflege ausgestellt. Jetzt muss der Bezirk zustimmen, die Kosten zu übernehmen, die über den Anteil der Krankenkasse hinausgehen. Tina Grimm hofft, dass das klappt. Dann würde ihr Mann zwar auch von mehreren Pflegekräften betreut, doch der Wechsel wäre nicht so groß – was gerade in der Corona-Zeit eine große Erleichterung wäre. „Und wir haben die Hoffnung, dass die Kräfte besser ausgebildet sind.“ Viele andere Ziele und Träume musste die Familie erst mal wieder hintenan stellen.

Andi Grimm hatte Arbeit gefunden in einer Werkstätte. Er ist aufgeblüht, als er wieder arbeiten konnte. Doch daran ist nun erstmal nicht mehr zu denken. Zu spüren, welche Belastung er für seine Frau und seinen Sohn ist, ist entsetzlich für ihn. Tina Grimm würde so gerne im Haus etwas umbauen. Auch das rückt wieder weit in die Zukunft. Ein paar Tage Urlaub mit ihrem Sohn, das würde sie sich wünschen. Wenn sie „Urlaub“ sagt, meint sie ein paar Tage in einer kleinen Waldhütte. Es sind ganz bescheidene Wünsche, die die Familie hat. Und sie scheinen so unerreichbar.

Manchmal fragt sich Tina Grimm, was ihre Familie verbrochen hat, dass sie immer wieder so kämpfen muss. Und dann gibt es Momente, wie der, als Andi Grimm in seinem Wohnzimmer am Trainingsgerät stand. Dann sieht sie, was sie bereits geschafft haben – und weiß wieder, dass sich das Kämpfen lohnt.

Wer helfen möchte

kann sich direkt an Tina Grimm wenden, sie ist erreichbar unter 0171/3659566.

Quelle: Merkur.de