Experten in Sorge

Gefährlicher Trend: Mit der App auf Pilz-Suche

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Gut oder giftig? Die Frage sollten Schwammerlsucher immer beantworten können, wenn sie im Wald unterwegs sind.

Pilzexperten schlägt ein neuer Trend schwer auf den Magen: Immer wieder kommt es vor, dass sich Schwammerlsammler mit wenig Fachwissen auf Apps verlassen, um giftige von harmlosen Pilzen zu unterscheiden. Die Spezialisten schütteln darüber den Kopf – und warnen vor gefährlichem Leichtsinn.

München – Es ist ein seltsamer Anblick, der sich neuerdings bisweilen in Bayerns Wäldern bietet: Pilzsammler, die nicht mehr nur mit dem Korb, sondern auch mit Tablet oder Handy in der Hand durchs Gehölz streifen, den Blick konzentriert auf den Boden gerichtet. Ist ein Pilz entdeckt, beginnt das Tippen auf dem Display. Denn es gibt längst etliche Apps, die Anfängern bei der Pilzsuche Hilfe versprechen. Anhand von Bildern sollen sie die Schwammerl zuordnen können – und dann entscheiden, ob sie im Korb landen oder besser im Wald bleiben.

Renate und Helmut Grünert sind schon oft nach ihrer Meinung zu den Pilz-Apps gefragt worden. Die beiden sind seit mehr als vier Jahrzehnten Pilzexperten. Sie haben zu Hause im Landkreis Starnberg mehr als tausend Fachbücher und -zeitschriften im Regal stehen, in denen sie auch nach unzähligen Pilzsuchen immer wieder nachschlagen. „Wer sich auskennt, braucht keine App“, sagt Helmut Grünert (70). „Und wer sich nicht auskennt, ist mit einer App hoffnungslos überfordert.“ Die Bilder auf dem Display seien viel zu klein, um einen Pilz zweifelsfrei bestimmen zu können. Manchmal sind besonders die Details entscheidend – denn es gibt unter den mehr als 6000 Pilzen, die in Bayern wachsen, so manch einen mit einem giftigen Doppelgänger. „Außerdem kann ein und dieselbe Pilzart in der Natur ganz unterschiedlich aussehen“, erklärt Grünert.

Die Deutsche Gesellschaft für Mykologie hat sieben Pilz-Apps getestet – und kommt zu demselben Fazit wie die Grünerts: „Keines der getesteten Produkte kann einen unerfahrenen Anwender sicher durch die verwirrende Vielfalt an Pilzarten und Fruchtkörperformen geleiten, die wir im Wald finden“, betont der Verein. „Ein Speisepilzsammler, der sich bei der Bestimmung nur von einer App leiten lässt, spielt grob fahrlässig mit seiner Gesundheit.“

Renate Grünert ist seit 1974 Pilzsachverständige. Mit grober Fahrlässigkeit hatte sie es in dieser Zeit so manches Mal zu tun. „Die meisten Menschen informieren sich gründlich, bevor sie ihre gesammelten Schwammerl essen“, sagt sie. Aber es gibt auch die Sorglosen. Der 67-Jährigen fallen so einige Begegnungen ein, die sie sprachlos gemacht haben. Menschen, die ihr sagten, sie hätten ja eine Zwiebel mitgekocht, da könne ja nichts mehr passieren. Andere waren sich sicher, wenn ein Pilz schmeckt, könne er nicht giftig sein. „Das ist russisches Roulette“, betont Renate Grünert immer wieder. Denn es gibt auch Pilze, die extrem gefährlich sind – wie den Spitzgebuckelten Raukopf. Dass er giftig ist, merkt man aber erst etwa zwei bis drei Wochen, nachdem man ihn gegessen hat. „Bis dahin sind die Nieren schon kaputt“, sagt Renate Grünert.

Wer den Verdacht hat, giftige Pilze gegessen zu haben, sollte sofort einen Arzt aufsuchen – oder sich an den Giftnotruf wenden. Oft können den Experten die sogenannten Putzreste – also Teile des Pilzes, die vor der Zubereitung abgeschnitten werden – dabei helfen, den Giftpilz zu bestimmen und dem Patienten schnell zu helfen. Grundsätzlich hat Helmut Grünert einen guten Rat an alle, die sich mit Pilzen nicht auskennen, aber trotzdem auf Schwammerlsuche gehen möchten: „Basiswissen kann man sich aus Büchern aneignen. Doch auch dann sollte man am besten mit einem Verein oder erfahrenen Pilzsammlern losziehen.“ Und im Zweifelsfall immer die Pilzberatung aufsuchen, bevor die Schwammerl in der Pfanne landen.

Bedenklich finden die Grünerts den App-Trend auch aus einem ganz anderen Grund. „Für alles gibt es Apps. Aber viele wissen heutzutage so wenig über die Natur“, sagt die 67-Jährige. „Dabei ist gerade das Pilzesammeln eine Wissenschaft, die immer spannender wird, wenn man sich etwas mit ihr beschäftigt.“

von Katrin Woitsch

Quelle: Merkur.de