Debatte um Einfamilienhäuser

Architekt fordert: Mehr Mut zur dichten Bebauung

Architekt Benedikt Sunder-Plassmann im Laubengang des von ihm gebauten Mehrgenerationenprojekts in Windach.
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„Mein Thema ist das Zusammenleben von Menschen“: der Architekt Benedikt Sunder-Plassmann im Laubengang des von ihm gebauten Mehrgenerationenprojekts in Windach.

Der Grünen-Abgeordnete Toni Hofreiter hat mit seinen Äußerungen über Sinn und Unsinn von Einfamilienhäusern eine Debatte ausgelöst. Architekt Benedikt Sunder-Plassmann sieht in einer dichteren Bebauung viele Vorteile – und plädiert für mehr Mut bei der Planung.

Greifenberg – In Feldafing im Kreis Starnberg haben sie ihn beauftragt, den alten Bahnhof umzubauen. Das Rathaus sollte dorthin umziehen. Architekt Benedikt Sunder-Plassmann hat die Planungen natürlich gern übernommen. Aber er sagte der Gemeinde auch gleich, dass es nicht ausreichen würde, den Bahnhof als Rathaus zu nutzen. Weil eine Verwaltung ja am Freitag schon mittags zusperrt. Weil so ein Bahnhof eine öffentliche Nutzung verdient hat. Also planten sie um – und konzipierten den Sitzungssaal im Rathaus als Bürgersaal, der in Corona-fernen Zeiten schon öfters für Jazzkonzerte genutzt worden ist.

Benedikt Sunder-Plassmann, das kann man wirklich sagen, ist ein besonderer Architekt. Er will nicht einfach weiterbauen, wie in den letzten Jahrzehnten gebaut worden ist. Er sagt, es gäbe auch eine „positive Dichte“, und die Dörfer im Großraum München, die natürlich den Siedlungsdruck aus München enorm zu spüren bekommen, sollten sich trauen, diese Dichte auch zu realisieren. Statt weiterhin – und da ist er ganz beim Grünen-Bundestagsabgeordneten Toni Hofreiter – ihre Dorfränder zuzuknallen mit weiteren Siedlungen für Einfamilienhäuser.

Es sei „Irrsinn“, ständig alte Häuser durch Einfamilienhäuser zu ersetzen

Sunder-Plassmann kommt aus der Ammersee-Gegend, dort ist er aufgewachsen, dort hat er seine Zimmerer-Lehre gemacht. Dort steht er an einem kalten Donnerstag-Nachmittag vor einem Grundstück in einer Doppelhaus-Gegend in der Gemeinde Greifenberg (Kreis Landsberg), das er vor elf Jahren bebaut hat. Normal wäre dorthin einfach ein weiteres Doppelhaus gekommen, aber Sunder-Plassmann bekam auf dem Areal am Ende drei Einzelhäuser unter, und in jedem Einzelhaus gibt es eine Familien- und eine Single-Wohnung. Ursprünglich war ein Teil der Single-Wohnungen im Erdgeschoss auch als Büros geplant worden.

Sunder-Plassmann, der in Weimar studiert hat und heute wieder am Ammersee wohnt, sagt, es sei „Irrsinn“, ständig alte Häuser wegzuschieben und durch Zwei- oder Dreispänner zu ersetzen. Oder gar durch Einfamilienhäuser. Die ohnehin nicht den Bedarf einer Gesellschaft widerspiegelten, die zu 40 Prozent aus Singles besteht. „Ein Einfamilienhaus braucht auch die Familie nur zehn Jahre, nämlich dann, wenn die Kinder zwischen acht und 18 sind.“ Vorher und nachher sei es zu groß, barrierefrei sei es nicht umzubauen, „am Ende ist Vereinsamung die Folge“.

Sunder-Plassmann fordert die Gemeinden zu dichterer Bebauung auf

Sunder-Plassmann hat sich, auch in seiner Funktion als Vorsitzender des Wessobrunner Kreises, eines Zusammenschlusses aus Handwerkern und Architekten, der sich seit 20 Jahren für innovative Bauformen einsetzten, viele Gedanken auch über die Zukunft der bayerischen Dörfer gemacht. Immer mehr Landwirte hören auf, jeder pendelt zur Arbeit, er sagt: Die Gemeinden müssten sich trauen, im bestehenden Siedlungskern nachzuverdichten – und auf schon bebauten Grundstücken zweite Baufenster zu erlauben. Wo dann Austragshäusl für die Alten hinkommen könnten, die dann die vormals von ihnen bewohnten größeren Häuser für junge Familien frei machen.

Man kann sich lang mit ihm über anderes Wohnen unterhalten. Er findet: „Man muss die Menschen wieder zusammenbringen“ – das ist sein Credo. Deshalb die Jazzkonzerte im alten Bahnhof in Feldafing. Und deshalb hat er in Greifenberg auch die drei Einzelhäuser um einen gemeinsamen Hof gebaut, über den alle sechs Wohneinheiten erschlossen werden.