Worauf es jetzt ankommt

Auf das Leben - Gastkolumne der ehemaligen Regionalbischöfin Susanne Breit-Kessler*

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Susanne Breit-Kessler, ehemalige evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern.

Die Bedeutung von Solidarität werde derzeit verdreht, so ein Talk-Gast aus einer der zahllosen Corona-TV-Runden der letzten Zeit. Die Dame, eine Philosophin, merkte bedauernd an, Solidarität habe ursprünglich gemeint, körperliche Nähe zu suchen.

Jetzt zeige sie sich darin, dass man sich zurückzieht. Man müsse folglich radikal umdenken. Tatsächlich lautet das Gebot der Stunde: Schluss mit Küsschen hier und Küsschen da, mit Umarmungen, wie sie gesellschaftlich en vogue sind. Und alles Mögliche bedeuten, bloß keine Solidarität. Auch versinnbildlichen bei Weitem nicht alle Einladungen, Feste und Treffen echtes Zusammengehörigkeitsgefühl.

Helfer, Ärzte, Verkäuferinnen, Reinigungskräfte - Vergelt‘s Gott ihnen allen

Die Nähe, die es in unserem Leben wirklich braucht, die gibt es. Nach wie vor. Ärzte und Ärztinnen kümmern sich um Kranke, Pflegende sind täglich zur Stelle – in Kliniken, Pflegeheimen und natürlich zu Hause. Frauen und Männer vom Reinigungsteam sorgen für hygienische Sauberkeit, Sanitäter flitzen rettungsbereit durch die Straßen. Solche Solidarität wächst aus Empathie, aus Leidenschaft zum Helfen und dem Wissen, dass die eigene Kompetenz von Nöten ist. Nahe sind uns die, die in Lebensmittelmärkten und Apotheken schuften, Briefe und Pakete ausliefern, uns per Bahn, Bus und Tram nach wie vor transportieren, die, die bei der Polizei auf unsere Sicherheit achten. Vergelt´s Gott ihnen allen!

Die Gesellschaft ist mental und seelisch viel weiter, als manche meinen

Kein Shake-Hands, keine Bussis und kein Schubbern … Ach je. Als ob es darauf ankäme. Diese Gesellschaft ist mental und seelisch so viel weiter als manche meinen. Da werden kreativ kurz die Fußsohlen aneinandergehalten und die Ellenbogen. Man singt wie in Italien von Balkonen gemeinsam die Nationalhymne oder „Abbriacciame“, Umarme mich, und applaudiert Punkt 12 Uhr den Menschen, die in Krankenhäusern arbeiten. Ein jüdisches Ehepaar heiratet unter Minimalbeteiligung und in größter Distanz zu anderen – man spürt die Liebe und möchte ihnen den geistvollsten Trinkspruch aller Zeiten zurufen: „Le Chaim!“ – auf das Leben.

Ministerpräsident Söder hat Corona als „Charaktertest für die Gesellschaft“ beschrieben. Das ist weitaus treffsicherer als wieder mal von Chancen zur Entschleunigung oder Besinnung zu sprechen. Zum humanitären Charaktertest gehört, keine weinerliche, sondern fürsorgliche und solidarische Distanz zu den Mitmenschen einzunehmen. Diese gelegentlich mühsame Übung hilft für die Zeiten „danach“, wann immer sie sich einstellen werden. Denn oberflächliche oder gar distanzlose Nähe hat schon immer geschadet. Der aufrichtige Händedruck, die wirklich respektvolle Umarmung nicht. Das machen wir dann wieder, wenn wir mit vereinten Kräften durch die Krise gekommen sind. Auf das Leben.

*Susanne Breit-Keßler war evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern, künftig übernimmt sie den Vorsitz des neuen bayerischen Ethik-Rates. Sie schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne im Bayern-Ressort des Münchner Merkur und auf Merkur.de.

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Quelle: Merkur.de