Personal und Patienten leiden unter großer Belastung

Aufschrei gegen den Pflegenotstand

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Mehr als 100 000 Unterschriften haben die Unterstützer des Volksbegehrens „Stoppt den Pflegenotstand“ gesammelt und an das Innenministerium übergeben.

Zu wenig Zeit, zu viele Patienten: Bayerns Pflegekräfte arbeiten am Limit. Deshalb haben sie ein Volksbegehren gestartet und mehr als 100 000 Unterschriften gesammelt. Doch Pflege-Experten sind skeptisch, ob das der richtige Weg ist.

München/Dachau – Ins Krankenhaus kam Anneliese Barton mit einem gebrochenen Oberschenkel – heraus kam sie als Pflegefall. Als die heute 84-Jährige vor zwei Jahren nachts im Dachauer Krankenhaus auf die Toilette muss, klingelt sie mehrfach nach einer Schwester. Weil niemand kommt, schleppt sie sich selbst ins Badezimmer. Ein verhängnisvolle Entscheidung: Denn Anneliese Barton stürzt, schlägt mit dem Kopf auf und verletzt sich dabei so schwer, dass sie heute ein Pflegefall ist. Sie muss künstlich ernährt werden, kann kaum noch sprechen oder sich bewegen.

Die Strafanzeige, die ihr Ehemann noch am Tag des Sturzes erstattet hat, blieb ebenso folgenlos wie sein Vorstoß bei der Beschwerdestelle des Krankenhauses. Jetzt will er Schmerzensgeld erklagen. Die Klinik gehört zum Unternehmen Fresenius, einem der größten Krankenhaus-Betreiber in Deutschland. Dort will man sich aus Datenschutzgründen nicht zu dem Fall äußern.

Schwester Ica: „Der Zeitdruck in unserem Beruf ist enorm“ 

Dass Bayerns Pfleger keine Zeit für ihre Patienten haben, ist keine Ausnahme, sagt Ica Fritz. Die 57-Jährige ist seit 38 Jahren Krankenschwester, sie arbeitet in einer Augsburger Klinik. „Der Zeitdruck in unserem Beruf ist enorm.“ Mittlerweile sei es die Regel, dass eine Schwester für 15 Patienten pro Schicht zuständig ist. „Es gibt auch Zeiten, da sind es 26“, berichtet Fritz aus ihrem Alltag auf der Station. Nach jeder Schicht sei sie froh, wenn nichts passiert ist.

Unter dieser Belastung leidet nicht nur der Patient, sondern auch das Personal. „Viele haben die Stunden reduziert, weil sie es nicht mehr schaffen“, sagt Fritz. Andere seien selbst krank geworden. „So geht es nicht weiter.“

So geht es nicht weiter“, sagt Krankenschwester Ica Fritz aus Augsburg.

Deshalb hat Ica Fritz gemeinsam mit einem breiten Bündnis das Volksbegehren „Stoppt den Pflegenotstand“ auf den Weg gebracht. Gestern übergaben die Initiatoren die gesammelten Unterschriften an das Innenministerium. 25 000 wurden benötigt, geworden sind es am Ende 102 137 – so viele wie noch nie für ein Volksbegehren. „Das ist ein politisches Zeichen“, sagt Harald Weinberg, Sprecher des Bündnisses und Bundestagsabgeordneter der Linken. Hinter ihm stehen die 27 Plastikkisten mit den Unterschriftenbögen und die Papp-Figur einer sechsarmigen Krankenschwester, die vor lauter Arbeit gar nicht mehr weiß, was sie zuerst erledigen soll. Das Kernanliegen des Volksbegehrens: eine gesetzliche Personalbemessung für die Pflege und andere Berufsgruppen im bayerischen Krankenhausgesetz.

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Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) betonte, dass der Bund schon Gesetze zur Verbesserung der Pflege – darunter eine Verordnung zur Personaluntergrenze – auf den Weg gebracht habe. Damit würden nicht nur die Rahmenbedingungen in den Krankenhäusern erheblich verbessert, sondern auch zentrale Forderung der Initiatoren des Volksbegehrens umgesetzt. Die Initiatoren wiesen diese Reformpläne aus Berlin als „blanken Hohn“ zurück.

Pflegeexperte Claus Fussek unterstützt das Bündnis

Hermann Imhof (CSU), der Patienten- und Pflegebeauftragte der Staatsregierung, hält das Kernanliegen des Volksbegehrens zwar für grundsätzlich richtig. Es sei dringend notwendig, jetzt die Weichen für bessere Bedingungen in der Pflege zu stellen. „Nur so können wir den heute 16-Jährigen, die über den Pflegeberuf nachdenken, das Zeichen geben, dass sich etwas tut.“ Allerdings sagt auch Imhof: „Ich bin überzeugt, dass wir in Bayern und im Bund die Dinge bereits auf den Weg bringen.“

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Der Münchner Pflege-Experte Claus Fussek kennt die Situation der Pflegekräfte gut, er unterstützt das Bündnis. Doch eigentlich hält er es nicht für den richtigen Weg. „102 000 Unterschriften ändern nichts, solange sich Pflegekräfte und Heimleiter nicht mit ihrem Namen trauen, die Situation so zu schildern, wie sie ist.“ Noch immer würden viel zu viele Pflegekräfte ihre Arbeitsbedingungen hinnehmen, Krankenhaus- oder Heimleiter würden viel zu sehr auf ihre Zertifikate verweisen und ihre Einrichtungen von der besten Seite präsentieren, wenn sie Politiker zu Gast haben.

Die Initiative für das Volksbegehren sieht Fussek auch als Zeichen der Hilflosigkeit. „Es ist absurd, dafür überhaupt Unterschriften sammeln zu müssen.“ Und trotzdem habe sich die Situation seit Jahrzehnten nicht verändert. „Was bringt es, einen besseren Personalschlüssel zu fordern, wenn es nicht genügend Pflegekräfte in Deutschland gibt?“, fragt Fussek. Mehr Pflegekräfte bekomme man nur durch bessere Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen. „Das ist der Teufelskreis.“

T. ZIMMERLY, K. WOITSCH, D. GÖTTLER UND S. HORSCH

Quelle: Merkur.de