Tagebuch eines 21-jährigen Syrers in München

Bayan flüchtete von Aleppo nach München: „Ich habe Freunde gefunden“

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Bayan Alrazzah berichtet über seinen Alltag. „Als ich nach Deutschland kam, hat sich für mich alles verändert.“

Bayan Alrazzah ist 21 und kommt aus Aleppo in Syrien. Vor zwei Jahren ist er allein nach Deutschland geflüchtet. Seitdem lebt er in München, sein Asylantrag wurde anerkannt. Für den Münchner Merkur führt er ein Tagebuch über seinen Alltag hier. Heute berichtet er über Freundschaften.

Mein Alltag früher in Syrien und heute in Deutschland ist sehr unterschiedlich. In Aleppo habe ich bei meiner Familie gelebt. Wir waren fünf Personen in einer Wohnung. Damals gab es oft Stress. Als ich noch ein Kind war, wollte ich oft von zu Hause ausziehen. Bis ich 13 Jahre alt war, durfte ich nicht allein auf die Straße gehen. Dann begann der Krieg, jeder hatte auf einmal eigene Probleme. Für mich hat das auch ein bisschen mehr Freiheit bedeutet, ich konnte mit Freunden unterwegs sein. Jeden Tag nach der Schule ging ich nach Hause, machte Hausaufgaben, wenn ich welche hatte. Danach ging ich ins Internetcafé oder in eine Shisha Bar. Oder ich war spazieren. In den Sommerferien habe ich irgendetwas gearbeitet, damit ich etwas Geld hatte. Manchmal habe ich in der Shisha Bar gearbeitet, manchmal als Verkäufer in einem Minimarkt oder in einer Bäckerei. In der letzten Zeit, bevor wir Syrien verlassen haben, ging ich jeden Tag zur Universität. Dort habe ich Maschinenbau studiert. Ich habe ein Semester geschafft, bis wir geflohen sind. In dieser Zeit war ich selbstständiger.

Als ich nach Deutschland kam, hat sich für mich alles verändert – die Leute, die Straßen, der Verkehr, die Lebensweise. Auch die Art zu wohnen, ich lebe in einer Unterkunft. Als ich in München ankam, habe ich fast acht Monate gewartet, bis ich einen Deutschkurs beginnen konnte. Dieser erste Kurs war sehr wichtig, damit ich mich mit den Menschen unterhalten konnte und irgendwann weiter studieren kann.

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In der Unterkunft lebt man nicht wie in einer Familie, sondern für sich allein. Es ist schwer, mit fremden Menschen zusammen zu leben. Es gibt so viele verschiedene Kulturen, Gewohnheiten und Sprachen bei uns. Mein Zimmer teile ich mir mit vier anderen Personen. Einer kommt wie ich aus Aleppo, zwei kommen aus Kurdistan und einer aus dem Iran. Wir verstehen uns nicht so gut, aber wir kommen klar. Wir reden nicht viel, wir sind keine Freunde, sondern einfach Mitbewohner, mehr nicht. Einige in der Unterkunft telefonieren ständig, einige machen viel Lärm, andere schlafen den ganzen Tag. Ich bin lieber draußen als dort.

Zur Zeit gehe ich noch in die Schule, in einen Sprachkurs. In einem früheren Kurs habe ich Leute kennengelernt, die meine Freunde wurden. Wir gehen am Wochenende oft spazieren oder in die Stadt. Wenn wir ein bisschen Geld übrig haben, kaufen wir dort etwas. Ich habe einige richtige Freunde, mit denen ich über fast alles rede. Aber ich habe auch Freunde, mit denen ich mich nur einmal im Monat treffe. Oft geht es nicht, weil der Tag mit Unterricht, Zimmer putzen und Kochen sehr voll ist. Ich gehe einmal pro Woche einkaufen und koche selbst. Die Leute aus anderen Zimmern kaufen auch zusammen ein und kochen zusammen. Ich finde es aber so besser. Ich habe es schon oft geschrieben: Ich wünsche mir, dass ich bald eine Wohnung mieten und aus der Unterkunft ausziehen kann. 

Diesen Beitrag schrieb Bayan Alrazzah.

Quelle: Merkur.de