TAGEBUCH EINES 22-JÄHRIGEN SYRERS

Wenn tanken zur Geduldsprobe wird: „Wer ein Auto hat, wartet viel“

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Warteschlange an der Tankstelle – in Aleppo ist das Alltag.

Bayan Alrazzah ist 22 und kommt aus Aleppo in Syrien. 2016 ist er allein nach Deutschland geflüchtet. Seitdem lebt er in München, sein Asylantrag wurde anerkannt. Für den Münchner Merkur führt er ein Tagebuch über seinen Alltag. Heute berichtet er darüber, wie in Syrien getankt wird.

Wenn man in Syrien ein Auto hat, verbringt man viel Zeit an Tankstellen. Mein Bruder stand mit dem Auto meines Onkel oft stundenlang in der Warteschlange, damit er tanken konnte. Es gab damals viel zu wenig Benzin. Natürlich ist auch der Preis dafür gestiegen. Viele Menschen haben ihre Autos deshalb verkauft oder die Autos standen nur noch in Tiefgaragen. In der Zeit, in der ich in Aleppo gelebt habe, gab es fast nie Benzin und die Auto- und Taxifahrer mussten es auf dem Schwarzmarkt kaufen. Dort hat es zehnmal soviel gekostet wie normal. Deshalb konnten sich die meisten das Autofahren nicht mehr leisten. Ich selbst hätte kein Auto in Syrien gekauft, wenn ich schon alt genug gewesen wäre. Es ist dort auf den Straßen alles so chaotisch und unorganisiert.

Bayan Alrazzah schreibt über die Geduld, die syrische Autofahrer beim Tanken brauchen.

In Syrien gibt es an Tankstellen keine Lebensmittel oder Tabak zu kaufen so wie hier in Deutschland. Ich finde das gut. An Tankstellen kann man hier sogar nachts etwas kaufen, wenn alle Läden geschlossen haben. In Syrien gibt es an jeder Tankstelle Personal. Die Angestellten tanken für einen, bei ihnen zahlt man auch. Am Ende des Tages sammelt der Tankstellenleiter von allen Mitarbeitern die Geldscheine ein. Hier in Deutschland kann ja jeder selbst tanken und geht dann an die Kasse. Als ich das erste Mal hier mit einem Freund Auto fuhr und er tanken musste, dachte ich, er geht rein, weil er jemanden anrufen muss – so kannte ich das aus Syrien.

Zur Zeit gibt es in Aleppo wieder eine Benzinkrise. Viele Autofahrer stehen manchmal eine ganze Nacht in der Warteschlange an der Tankstelle, um sich Benzin zu sichern. Der Staat verteilt das Benzin, das heißt, niemand kann sein Auto volltanken. Pro Tag dürfen Privatautos nicht mehr als 20 Liter tanken, Taxis nicht mehr als 40 Liter. Manche Tankstellen sind nur für Taxis da, die anderen nur für Privatautos. Ich finde es peinlich, wenn man ein Auto hat und so lange warten muss, bis man tanken darf. Das müsste der Staat besser regeln – egal, ob Krieg ist oder nicht. 

Bayan Alrazzah

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Quelle: Merkur.de