Tagebuch eines 21-Jährigen Syrers

Bayan über den Ramadan: „Schwer durchzuhalten“

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Bayan Alrazzah berichtet über den Ramadan. 

Bayan Alrazzah ist 21 und kommt aus Aleppo in Syrien. Vor zwei Jahren ist er allein nach Deutschland geflüchtet. Seitdem lebt er in München, sein Asylantrag wurde anerkannt. Für den Münchner Merkur führt er ein Tagebuch über seinen Alltag hier.

Heute berichtet er über den Fastenmonat Ramadan.

Gestern war für viele Muslime der letzte Fastentag. Der Fastenmonat Ramadan, der in diesem Jahr am 16. Mai begonnen hat, ist zu Ende gegangen. Der Ramadan ist das größte Fest für Muslime und viele freuen sich sehr, wenn der Fastenmonat beginnt. Man gratuliert sich untereinader und wünscht sich „Ramadan Karim“, was so viel heißt wie: „Möge der Ramadan großzügig mit dir sein“. Der Ramadan fängt übrigens jedes Jahr 11 Tage früher an.

Als ich in Syrien war, habe ich jedes Jahr im Ramadan gefastet – also jeden Tag von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. In meiner Heimat wurde uns beigebracht, dass das gesund ist und man damit den Körper entgiften kann. Wenn ich arbeiten musste, war das aber schon heftig und ich konnte nicht den ganzen Tag fasten. Trotzdem habe ich versucht, tagsüber nur zu trinken und nichts zu essen.

„Ein Ramadan ohne Familie ist nicht schön.“

Seit ich in Deutschland bin, faste ich nicht mehr. Hier ist es noch schwieriger zu fasten, weil die Zeit vom Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang länger ist als in Syrien. Wenn ich solange nichts esse und trinke, bekomme ich schlechte Laune und werde nervös. Außerdem lebe ich in einer Unterkunft, und da ist es schwieriger zu kochen als wenn man in einer eigenen Wohnung lebt. Trotzdem gibt es in meiner Unterkunft auch einige Mitbewohner, die fasten. Die bleiben aber dann meist im Zimmer, um das durchzuhalten. Ich finde, wenn man einen anstrengenden Beruf hat, auf der Baustelle oder als Polizist, der den ganzen Tag an der Ampel steht, dann ist es sehr schwierig zu fasten.

Wenn im Ramadan die Sonne untergeht, trifft sich die ganze Familie zum Essen. Das nennen wir „Iftar“. Ein Ramadan ohne Familie ist nicht schön. Nach dem Essen gehen die Muslime zur Moschee, um zwei Stunden zu beten. Und wenn wie jetzt der Ramadan zu Ende geht, kommt danach das Zuckerfest. Das nennen wir „Eid al-Fitr“. Dann können Muslime endlich wieder den ganzen Tag essen und trinken. Da freut sich natürlich jeder Muslim darauf.

In Syrien habe ich mich zum Zuckerfest mit meinen Freunden getroffen. Wir haben uns neue Klamotten gekauft und sind in ein Restaurant zum Essen gegangen. Wir haben uns auch mal ein Auto gemietet und sind für zwei oder drei Tage in die Stadt gefahren. Heuer feiere ich das Zuckerfest nicht, weil ich ja auch nicht gefastet habe. Aber ich glaube, wenn ich in ein paar Jahren hoffentlich ein normales Leben in Deutschland führen kann, würde ich im Ramadan vielleicht wieder fasten.

Bayan Alrazzah

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Quelle: Merkur.de