Tagebuch eines 21-jährigen Syrers 

Bayan und die Musik: „Ich mag deutschen Rap“

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Bayan Alrazzah berichtet über die Kultur in Syrien. 

Bayan Alrazzah ist 21 und kommt aus Aleppo in Syrien. Vor zwei Jahren ist er allein nach Deutschland geflüchtet. Seitdem lebt er in München, sein Asylantrag wurde anerkannt. Für den Münchner Merkur führt er ein Tagebuch über seinen Alltag hier. Heute berichtet er über die Musik in Syrien.

Mit der Musik ist es genauso wie mit dem Essen – jeder hat seinen eigenen Geschmack. Jeder hört, was ihm gefällt. Ich habe in Aleppo gelebt. Dort haben die Leute ganz andere Musik gehört als im Dorf. An der Musik, die sie hören, kann man erkennen, woher die Menschen kommen. In Syrien ist das einfach, weil bei uns viele Menschen auf der Straße laut Musik hören – und nicht wie hier mit Kopfhörern. In Deutschland sehe ich manchmal Jungs, die auf der Straße laut Musik hören – aber es sind nicht viele.

Es gibt viele Leute, die immer traurige Lieder hören. Oder Rap oder Tanzmusik oder Opern. Als ich in Syrien war, habe ich niemals Opern gehört, weil ich damals keinen kannte, der so etwas hört. Die Menschen in Syrien, die den Präsidenten mögen oder in der Armee sind, hören immer nationale Musik. Die Menschen, die viel Alkohol trinken, hören eher traurige Musik. Das hört man, weil viele Menschen in ihren Autos die Musik laut abspielen. Morgens hören viele Leute ruhige Musik – im Auto, in den Geschäften oder in den Büros. Auch in den Bussen spielen die Fahrer Musik ab – außer es ist Ramadan, dann ist das verboten. Oder wenn der Muezzin zum Gebet ruft, dann soll man die Musik auch ausschalten aus Respekt. So habe ich es gelernt.

„In Syrien hör1t jeder laut auf der Straße Musik“

Früher in Aleppo hörte ich entweder arabische Musik oder englische Musik. Aber seitdem ich in Deutschland bin, habe ich Musik aus aller Welt und in vielen Sprachen gehört. In den Unterkünften gibt es ja viele Nationalitäten, genau wie in der Schule oder auf der Straße. Zurzeit höre ich am liebsten deutschen Rap. Weil er mir gut gefällt und weil es mir hilft, die Sprache besser zu lernen.

In Aleppo war ich nie in einer Diskothek. Ich wusste gar nicht, wie das aussieht. Man braucht dafür viel Geld – mehr als ich als Schüler hatte. Hier in München war ich ein paar Mal in einer Diskothek. Aber oft gehe ich nicht, ich finde, es ist immer dasselbe. In Aleppo gab es auch Kinos, aber dort liefen fast immer nur Porno-Filme. Deswegen war ich niemals im Kino. Als ich mit der Sprachschule begann, sind wir mit unserem Lehrer in ein Kino gegangen und haben einen Film angeschaut. Er hieß „Blind Date mit dem Leben“. Danach bin ich noch manchmal mit Freunden gegangen. Ich habe leider nicht so viel Geld fürs Kino. Aber ich mag es sehr.

Bayan Alrazzah 

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Quelle: Merkur.de