TAGEBUCH EINES 22-JÄHRIGEN SYRERS

Bayans Leben in Bayern - „Der Fernseher ist mein Lehrer“

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Bayan Alrazzah schreibt über das Fernsehen.

Bayan Alrazzah ist 22 und kommt aus Aleppo in Syrien. 2016 ist er allein nach Deutschland geflüchtet. Seitdem lebt er in München, sein Asylantrag wurde anerkannt. Für den Münchner Merkur führt er ein Tagebuch über seinen Alltag. Heute berichtet er über das Fernsehprogramm in seiner Heimat.

Manchmal ist der Fernseher mein bester Freund. Als ich noch in Syrien gelebt habe, hätte ich nicht gedacht, dass ich einmal drei Jahre ohne Fernsehen leben werde. Seit ich in Deutschland bin, schaue ich Serien auf meinem Handy an. Fernsehen ist für mich eine günstige Art, meine Freizeit zu verbringen. Weil ich früher kein Geld hatte, um etwas zu unternehmen oder feiern zu gehen.

Während des Krieges wurde sogar diese kleine Sache Fernsehen schwierig. Wir hatten nur selten Strom. Und wenn, dann wollte die ganze Familie fernsehen. Jedes Mal gab es Streit, weil jeder etwas anderes sehen wollte. Nachrichten, Musikvideos oder Serien – und wir hatten nur einen Fernseher.

Meine Oma hat immer gesagt, dass der Fernseher ein Teufel ist.

Serien sind für mich wie ein Ausflug in eine andere Welt. Besonders syrische Serien. Von ihnen habe ich viel gelernt, weil es meist um Dinge aus unserem Leben geht: Beziehungen, Lebensunterhalt, Familie – auch über den Krieg in Syrien. Bei uns gab es jedes Jahr ein paar neue Serien und fast alle spielten während des Ramadans. Warum, weiß niemand. Vielleicht, weil die meisten Menschen während des Ramadans keine Lust haben, das Haus zu verlassen. Viele Beamte nehmen sich sogar den ganzen Monat frei.

Jedes Jahr gab es bei uns internationale Sendungen wie „Arabs got Talent“, „The Voice“, „The X Factor“ und „Arab Idol“. Diese Sendungen habe ich immer mit meiner Mutter angeschaut, obwohl sie sonst nur Nachrichten und religiöse Programme sehen wollte. Aber sie fand die Sendungen interessant. Sie sagte, man kann dabei viel über andere Länder erfahren. Zurzeit erscheint die sechste Staffel von „Arabs got Talent“ – und endlich musste ich das nicht mehr auf dem Handy anschauen, weil ich mir einen Fernseher gekauft habe.

Meine Oma sagte uns immer, dass der Fernseher ein Teufel ist. Weil sie früher kein Fernsehen hatten. Aber ich glaube, jede Sache kann teuflisch sein, wenn sie für etwas Schlechtes genutzt wird. Für mich ist der Fernseher wie ein Lehrer. 

Bayan Alrazzah

Lesen Sie hier, was Bayan Alrazzah in seinem Tagebuch beim Münchner Merkur bisher berichtet hat:

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Quelle: Merkur.de