Tagebuch eines 21-Jährigen Syrers

Bayans Leben in Bayern: „Jeder vermisst seine Heimat“

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Der alte Markt in Aleppo vor dem Krieg...

Bayan Alrazzah ist 21 und kommt aus Aleppo in Syrien. Vor zwei Jahren ist er alleine nach Deutschland geflüchtet. Seitdem lebt er als anerkannter Flüchtling in München. Für unsere Zeitung führt er Tagebuch über seinen Alltag. Heute berichtet er über das Leben in Aleppo und die Unterschiede zum Alltag in München.

Aleppo ist die Stadt des Handels und der Wirtschaft in Syrien. Da bin ich geboren und auch aufgewachsen. Es ist meine Lieblingsstadt – vor und nach dem Krieg.

Ich bin jeden Tag mit meinem Bruder in die Schule gegangen. Später habe ich mein Abitur gemacht und ein Semester lang Maschinenbau an der Universität studiert. Dort hatte ich viele Freunde. Fast jeden Tag gingen wir nach dem Unterricht zum Café und quatschten. Es hat Spaß gemacht, dass wir immer zusammen waren. Als ich mit dem ersten Semester fertig war, haben meine Familie und ich Aleppo verlassen. Wir sind gemeinsam in die Türkei geflüchtet. Von dort bin ich allein weiter nach Deutschland. Seitdem hat sich alles verändert für mich – die Menschen, die Kultur, die Gewohnheiten, die Stadt und so weiter... Am Anfang war in München alles ganz neu für mich. Der Zugverkehr, die Straßenbahn, der Metrobus, die Straßen und Wege auch. Ich musste viel lernen, um einkaufen gehen zu können oder in die Schule, ohne jedes Mal die Leute nach dem Weg fragen zu müssen.

...und während des Krieges. 

In München beeindrucken mich viele Dinge: die alten, großen Kirchen wie die Frauenkirche und die Parks und Flüsse. Das Deutsche Museum finde ich toll, auch andere Museen haben mir gefallen. Irgendwann habe ich mich in einer Sprachschule angemeldet. Dort lerne ich Deutsch, damit ich eine gute Arbeit finde und mich mit den Leuten unterhalten kann. Der erste Kurs hat ein Jahr gedauert, ich habe bis B1-Niveau Deutsch gelernt. Ich hatte viel Spaß in der Schule und habe neue Freunde aus verschiedenen Ländern kennengelernt. Es war ein Jugend-Integrationskurs. Danach haben wir einen Test geschrieben. Ich habe ihn geschafft.

Sein erster Arbeitsplatz in Deutschland: Bayan Alrazzah macht in unserer Redaktion ein Praktikum. In einer Serie schildert er in den kommenden Monaten, wie er sich in Bayern ein neues Leben aufbaut.

Ich finde die Menschen in München sehr freundlich. Wenn man sie nach einer Adresse fragt, antworten sie immer nett. Aber es gibt auch Leute, die nicht so freundlich sind und nervös wirken. Auf der Straße, an der U-Bahn-Haltestelle oder im Supermarkt an der Schlange vor der Kasse. Aber es gibt ja überall freundliche und unfreundliche Menschen.

Jeder vermisst seine Heimat. Ich vermisse vor allem meine alten Freunde und mein Haus. Und die arabischen Geschäfte und die alten Märkte, die es in Aleppo vor dem Krieg gab. Auch meine Universität vermisse ich. Aber ich bin der Meinung, dass man überall seine Zukunft gestalten kann, wenn man Ehrgeiz hat.

Bayan Alrazzah

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Quelle: Merkur.de