Tagebuch eines 21-jährigen Syrers in München

Bayans Leben in Bayern - „Unpünktlichkeit ist peinlich“

+
Bayan Alrazzah schreibt über Pünktlichkeit.

Bayan Alrazzah ist 21 und kommt aus Aleppo in Syrien. Vor zwei Jahren ist er allein nach Deutschland geflüchtet. Seitdem lebt er in München, sein Asylantrag wurde anerkannt. Für den Münchner Merkur führt er ein Tagebuch über seinen Alltag hier. Heute berichtet er über Pünktlichkeit in Syrien.

Heute dreht sich alles um die Uhr. In Syrien ist pünktlich zu sein nicht so wichtig wie in Deutschland. Als ich noch zur Grundschule gegangen bin, war ich immer pünktlich. Als ich dann aufs Gymnasium gegangen bin, habe ich diese Angewohnheit aber verloren. Weil mein Lehrer nicht schimpfte, wenn ich oder andere unpünktlich waren – er kam auch selbst zu spät. Ich fand es nicht schlimm. Aber wenn man immer unpünktlich ist, ist es peinlich.

Wir haben in Syrien keine öffentlichen Verkehrsmittel, die pünktlich kommen. Man wartet einfach. Als der Krieg begann, wurde das noch schlimmer. Deshalb war die Uhrzeit nicht so wichtig. Auch als ich in den Ferien gearbeitet habe, habe ich oft erlebt, dass mein Chef oder meine Kollegen zu spät kamen. Bei meiner Mutter im Büro war es genauso. In Syrien gibt’s keine bestimmten Öffnungszeiten für die Geschäfte – nur bei den großen Märkten wie Edeka. Aber von ihnen gab es nur noch wenige, als der Krieg losging. Viele sind zerstört worden.

Seit ich in Deutschland lebe, merke ich, wie wichtig die Uhrzeit hier ist

Seit ich in Deutschland lebe, merke ich, wie wichtig Zeit hier ist und wie oft die Menschen auf die Uhr schauen. Manchmal bin ich zu spät zu Terminen gekommen. Wenn man in Deutschland unpünktlich ist, bekommt man Ärger. Bei meinem ersten Vorstellungsgespräch habe ich den Job nicht bekommen, weil ich fünf Minuten zu spät war. Aus diesem Fehler habe ich gelernt.

Zurzeit stehe ich fast immer früh auf. Denn ich will eine gute Zukunft hier in Deutschland haben. Ich werde immer pünktlicher. Ich glaube, niemand mag Unpünktlichkeit – und man kann sich angewöhnen, pünktlich zu sein. 

Bayan Alrazzah

Lesen Sie auch: 

Ein Flüchtling führt Tagebuch: Bayans Neustart in Bayern

Bayans Leben in Bayern: „Es gibt viele schwere Wörter“

Bayans Leben in der Unterkunft: „Es geht drunter und drüber“

Bayans Erlebnisse in Aleppo: „Bei uns regnet’s Oma Zähne“

Bayans Leben in Bayern: „Jeder vermisst seine Heimat“

Bayan über Busse und Bahnen: „Hier verliert man keine Zeit“

Bayan über das Essen in Bayern: „Ich mag Supermärkte“

Der junge Flüchtling Bayan über seine Berufspläne in München

Bayan über den Ramadan: „Schwer durchzuhalten“

Bayan und die Musik: „Ich mag deutschen Rap“

Bayans Urlaubserinnerungen: „Wir waren oft am Meer“

Bayan und das Thema Haustiere: „Ich wollte einen Husky“

Bayan und die Liebe: „Verlieben kann man sich überall“

Bayans erster Ausflug in Bayern

Bayan vergleicht Lebensgewohnheiten: „Vor Feiern gehen alle zum Friseur“

Quelle: Merkur.de