21-Jähriger kam vor zwei Jahren aus Aleppo

Ein Flüchtling führt Tagebuch: Bayans Neustart in Bayern

+
Sein erster Arbeitsplatz in Deutschland: Bayan Alrazzah macht in unserer Redaktion ein Praktikum. In einer Serie schildert er in den kommenden Monaten, wie er sich in Bayern ein neues Leben aufbaut.

Vor zwei Jahren flüchtete Bayan Alrazzah von Syrien nach Deutschland. In einer Serie erzählt er von seinem Leben auf der Flucht und vom Ankommen in München.

Bayan Alrazzah lebt seit zwei Jahren als Flüchtling in Deutschland. Er hat Asyl bekommen, geht hier zur Sprachschule und versucht, sich ein neues Leben aufzubauen. Er hat ein Praktikum beim Münchner Merkur begonnen und führt ein Tagebuch über sein Leben in Bayern.

In seinen Aufzeichnungen berichtet er über alles Neue, was er hier kennenlernt, erzählt von seiner Heimat und kulturellen Unterschieden.

Wir veröffentlichen seine Texte in einer Serie. Im ersten Teil stellt sich der 21-Jährige vor. Er erzählt, wie er in Syrien gelebt hat, wie die Flucht verlief und wie sein neuer Alltag in München aussieht. Seinen Text hat Bayan Alrazzah auf Deutsch geschrieben, kleine Rechtschreibfehler haben wir ausgebessert.

Ich bin Bayan Alrazzah. Ich komme aus Syrien und bin in Aleppo geboren. Ich bin 21 Jahre alt. In Deutschland bin ich seit zwei Jahren. Ich wohne in München, der Hauptstadt von Bayern. Dort gehe ich jeden Tag in die Schule, um Deutsch zu lernen. Meine Prüfung ist im März. Irgendwann würde ich gerne eine Ausbildung als Hotelfachmann machen. Ich gehe gerne schwimmen und fast jeden Tag ins Fitnessstudio. Und ich fotografiere gerne, wenn ich Zeit dafür habe.

Ich mache gerade ein Praktikum beim Münchner Merkur. Ich möchte über meine Heimat Aleppo erzählen, über meine Flucht und über mein Leben in Deutschland.

Meine Flucht

In Syrien bin ich zur Schule gegangen und habe Abitur gemacht. Meine Eltern sind seit 17 Jahren geschieden. Ich habe mit meiner Mutter und meinem Bruder in Aleppo gelebt. Mein Vater ist gestorben. Die Familie meines Vaters lebt noch in Damaskus. Ich bin mit meiner Mutter und meinem Bruder am 15. September 2015 vor dem Krieg in die Türkei geflohen. Die beiden sind noch dort. Die Flucht war sehr schwer. Es gab viele Armeebarrieren. Wir haben es mit Ach und Krach geschafft. Meine Mutter und mein Bruder wollten in der Türkei bleiben, weil sie dort leben möchten. Ich wollte in Deutschland leben und arbeiten.

Eines der letzten Bilder aus Aleppo: Auf diesem Foto ist Bayan 18. Es wurde kurz vor der Flucht aufgenommen.

Am Strand in Mersin habe ich einen Mann kennengelernt. Er hat mich zu einem Schleuser mitgenommen. Jeder musste ihm 900 Dollar geben. Dort habe ich mit einer Gruppe auf das Boot gewartet. Wir waren 32 Leute. Es dauerte einen Tag ohne Essen und Trinken. Das Boot hat uns nach Griechenland gefahren. Die Fahrt war schrecklich und auch gefährlich. Es ist, wie wenn man auf einem Wolkenkratzer am Abgrund sitzt und sich nicht bewegen kann. Die Küstenwache hat uns gesehen und uns nach Griechenland gebracht. Dort haben uns Freiwillige geholfen. Ich hatte Glück und habe mit drei anderen Personen eine kleine Wohnung zum Übernachten gefunden. Dort sind wir drei Tage geblieben. Danach sind wir nach Mazedonien und Serbien mit dem Bus gefahren. Wir haben für einige Züge und Busse zahlen müssen. Auch für ein Schiff. Aber manches war kostenlos.

Die Ankunft

Von Serbien sind wir mit dem Zug nach Slowenien gefahren und dann nach Österreich. Dort war es sehr kalt, es hat geregnet. Über die Grenze sind wir gelaufen. Die deutsche Polizei hat auf uns gewartet. In der Polizeistation haben wir Papiere bekommen, mit denen wir nach München zur Bayernkaserne gefahren sind. Sie war sehr schwer zu finden. Ich habe viele Leute auf Englisch danach gefragt.

Meine Unterkunft

In der Bayernkaserne hat man uns zu einer anderen Unterkunft geschickt. Dort waren wir sieben Personen in einem Zimmer. Es gab ein Bad im Zimmer und jeder hatte einen Schrank. Aber der war ganz klein. Es gab auch ein Restaurant, aber das Essen hat schlecht geschmeckt.

In dieser Unterkunft bin ich zwei Wochen geblieben, dann musste ich wieder umziehen. Dort gab es keine Zimmer, sondern in jedem Stock eine Halle mit kleinen Wänden. Darin waren wir ungefähr 25 Personen aus verschiedenen Ländern: Syrien, Pakistan, Afrika und Afghanistan. Es waren so viele Menschen, dass es schwer war, zu schlafen oder zu lernen. In unserem Stock gab es nur zwei Bäder und zwei Küchen. Dort musste ich sieben Monate bleiben. Dann bin ich in eine neue Unterkunft gekommen, die besser war als die alte. In der neuen Unterkunft war ich mit einer Person im Zimmer. Er kommt aus Kurdistan, kann auch Arabisch. So hatten wir keine Probleme, uns zu verstehen. Dort bin ich zehn Monate geblieben. Dann musste ich wieder umziehen. Das war schwer.

In der Unterkunft in München, in der ich jetzt wohne, ist es am schlimmsten für mich. Nicht nur für mich. Ich wohne dort seit sechs Monaten in einem Zimmer mit sieben anderen. Das Zimmer ist zu klein für acht Menschen. Die anderen sprechen Arabisch, sind aber aus verschiedenen Ländern: Iran, Kurdistan und auch Syrien. Jeder hat seine Gewohnheiten, seine Kultur und so weiter... Es ist ganz schwer zu lernen und zu schlafen. Mich kann auch niemand besuchen kommen. Wir haben eine Küche für fast 40 Menschen und nur ein Bad für 70 Personen. Und natürlich sind Küche und Bad immer voll. Man muss immer warten.

Ich hoffe, dass ich eine Wohnung finde und weiter in Deutschland lernen und leben kann. Mein größter Wunsch ist es, dass ich irgendwann in einem Hotel arbeiten kann.

Bayans Leben in Bayern: „Es gibt viele schwere Wörter“

Bayans Erlebnisse in Aleppo: „Bei uns regnet’s Oma Zähne“

Quelle: Merkur.de