Tagebuch eines 21-jährigen Syrers 

Bayans Urlaubserinnerungen: „Wir waren oft am Meer“

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Bayan Alrazzah schreibt über seine Urlaube. 

Bayan Alrazzah ist 21 und kommt aus Aleppo in Syrien. Vor zwei Jahren ist er nach Deutschland geflüchtet. Seitdem lebt er in München. Sein Asylantrag wurde anerkannt. Für den Münchner Merkur führt er ein Tagebuch über seinen Alltag hier. Heute berichtet er über Urlaube.

Ich mag Reisen, aber dafür braucht man Geld und Freizeit und das habe ich leider nicht. Als ich ein Kind war, bin ich mit meiner Mutter, meinem Bruder und meiner Oma oft nach Latakia gereist. Latakia ist eine schöne Stadt in Syrien, sie liegt am Mittelmeer. Es gibt dort große Wälder und salziges Meer. Dort haben wir in der Natur gegessen und aufs Meer geblickt. Oder wir sind mit dem Boot gefahren. Einmal haben wir eine schöne Touristen-Insel besucht, sie heißt Arwad. Dort habe ich ein kleines Schiff in einer Flasche gekauft – als Erinnerung.

„Es ist schön, mit der Familie zu reisen“

In Syrien fahren viele reiche Leute jeden Sommer dorthin. Auch die, die nicht reich sind, aber genug Geld für einen Urlaub haben. Früher war es nicht so teuer wie heute. Meine Mutter hat bei einer Eisenbahngesellschaft gearbeitet, deshalb haben wir die Zugtickets kostenlos bekommen. Nur einmal haben wir dort übernachtet – sonst sind wir immer morgens hin und abends zurückgefahren.

Es ist schön mit Familie zu reisen. Aber auf der anderen Seite hat man als Jugendlicher mehr Freiheit, wenn man mit Freunden reist. Ich bin immer nur heimlich mit meinen Freunden weggefahren, weil meine Mutter immer Nein sagte, wenn die Schule einen Urlaub für die Schüler organisiert hat. Einmal sind wir zusammen in eine andere syrische Stadt gefahren. Sie heißt Homs. Dort haben wir ein Schloss besucht, auch die Uni und die bekannten Plätze haben wir uns angeschaut. Wir haben Spaß gehabt – aber uns auch Sorgen gemacht, weil wir ja heimlich dorthin gefahren sind. Und weil es das erste Mal war, dass wir Aleppo allein verlassen haben.

Als ich 14 Jahre alt war habe ich für ein paar Monate die Familie meines Vaters in Damaskus besucht. Das war für mich ein sehr langer Urlaub. Ich habe eine neue Stadt kennengelernt und neue Leute. Sonst habe ich Syrien bis zu meiner Flucht nie verlassen.

In Deutschland bin ich nur einmal aus München weggefahren. Ich habe einen Freund besucht, der in Weißenfels in Sachsen-Anhalt wohnt. Ich bin mit dem Zug dorthin gefahren und eine Woche geblieben. Dort gab es nicht so viel Leute wie hier in München, weil es ein Dorf ist. Das hat mir nicht gut gefallen. Ich sage oft, dass München die schönste Stadt in Deutschland ist. Obwohl ich die anderen Städte ja nicht besucht habe. Ich würde sehr gerne einmal in die USA, nach Dubai, Italien oder Australien. Das sind meine Traumländer.

Bayan Alrazzah

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Quelle: Merkur.de