Nicht nur bei Corona

Ungeimpft am Alpenrand: Warum der Süden Bayerns eine niedrigere Impfquote hat

Medizinisches Personal befüllt eine Spritze mit dem Corona-Impfstoff von Oxford/Astrazeneca im NHS Nightingale Hospital North East.
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Im Süden Bayerns ist die Impfquote niedrig - warum?

Im Süden Bayerns ist die Corona-Inzidenz hoch, aber die Impfquote niedrig. Doch warum? Es gibt mehrere Vermutungen - außerdem hat Impfskepsis dort eine gewisse Tradition.

München - Rekordzahlen bei den Neuinfektionen, volle Kliniken und mehr Einschränkungen - trotzdem lassen sich viele Menschen im Süden Bayerns nicht gegen Corona impfen. Zu den Gründen gibt es einige Vermutungen, aber kaum Daten. Impfskepsis hat am Alpenrand allerdings eine gewisse Tradition.

Alarmstufe Violett und Pink: Giga-Hotspots liegen in Bayern

Der Süden Bayerns glüht dieser Tage in knalligem Pink und Violett auf der Corona-Übersichtskarte des Robert-Koch-Instituts (RKI). Stand Sonntag (21. November) liegen neun Kreise über der Inzidenz von 1000. Die Werte der anderen Kommunen am Alpenrand lagen teils weit über 500. Das liegt aus Sicht der Staatsregierung vor allem daran, dass sich dort bisher deutlich weniger Menschen gegen Corona impfen lassen als im Norden des Freistaats und der Republik. Doch woran liegt das?

Die Warnkarte des RKI leuchtet in Bayern violett (Inzidenz über 1000) und pink (Inzidenz über 500)

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Corona-Impfskepsis in Südbayern - Es gibt mehrere Vermutungen

Verschwörungsmythen: Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) nannte kürzlich im Interview mit Bild Live unter anderem „höhere Querdenker- und Reichsbürgerzahlen“ als Ursache. Diese These stützt der Religionswissenschaftler Michael Blume: „Im Alpenraum hat sich eine einzigartige Tradition der kleinteiligen, sprachlichen Autonomie entwickelt“, sagt der Antisemitismusbeauftragte des Landes Baden-Württemberg. „Dies bedeutet positiv ein besonders starkes Engagement für Demokratie und Föderalismus. Leider kippt es jedoch auch immer wieder in Verschwörungsmythen und Antisemitismus.“

Alternative Medizin: Impfverweigerer automatisch politisch rechts zu verorten, wäre jedoch zu kurz gegriffen. „Unter den Impfgegnern gehören 31 Prozent dem liberal-intellektuellen Milieu an“, heißt es in einer Analyse sozialer Netzwerke durch die Unternehmensberatung Komm.Passion. Neben einem „Störsender-Cluster mit russischen Einflüssen“ und AfD-nahen Nutzern gebe es bei Impfgegnern auch ein „sozial-ökologisch-esoterisches Cluster“. Eine Erklärung für die niedrigen Impfquoten am Alpenrand ist daher die Nähe zu alternativer Medizin. „Das skeptische Milieu ist nicht selten gut situiert, gut gebildet und offen gegenüber alternativmedizinischen Behandlungsmethoden“, sagte eine Sprecherin des bayerischen Gesundheitsministeriums.

Niedrige Impfquoten in Südbayern - Sind skeptische Ärzte ein Grund?

Skeptische Ärzte: Eine Studie aus dem Jahr 2012 deutet außerdem darauf hin, dass es nicht nur bei Patienten im Süden des Freistaats eine größere Impfskepsis gibt - sondern auch bei Hausärzten. Bei einer Umfrage unter Praxis- und Kinderärzten fand der Hauptautor der Studie, Martin Weigel, einen Zusammenhang zwischen niedrigen Impfquoten und der Einstellung der Mediziner gegenüber Impfungen. Am negativsten waren diese Meinungen in Südbayern, auch die Impfquote gegen Masern und
Meningokokken war dort auffallend niedrig. „Die Frage ist: Suchen sich die Impfunwilligen einen eher impfkritischen Arzt oder andersherum?“, sagt Weigel. Eine Antwort könne er nicht liefern.

Kritik am Staat: Für manche ist die Verweigerung einer Impfung ein Zeichen des Misstrauens gegenüber dem Staat. „Die Menschen im Alpenraum waren und sind besonders kritisch gegenüber staatlichen Obrigkeiten“, sagt Religionswissenschaftler Blume weiter. Verstärkt werde das dadurch, dass Parteien wie die AfD, die Impfung als Protestthema für sich entdeckt hätten, sagt der Seniorprofessor für Soziologie an der Universität Leipzig, Andreas Diekmann. „Was da Ursache und Wirkung ist, ist natürlich die Frage. Es ist generell ein Mangel, dass es in Deutschland nicht genügend harte Daten dazu gibt.“

Niedrige Impfquote im Süden Bayerns - Impfskepsis hat im Alpenraum Tradition

Geschichte: Fest steht, die Skepsis gegenüber Impfungen hat im Alpenraum eine gewisse Tradition hat. Schon bei der Immunisierung gegen die Pocken im 19. Jahrhundert habe es in Bayern gerade in ländlichen Regionen „eine ziemlich massive Impfgegnerschaft“ gegeben, sagt die Heidelberger Medizinhistorikerin Bärbel-Jutta Hess. Die Gründe dafür waren demnach ähnlich diffus wie heute: Manche interpretierten die Narbe der Pockenimpfung als „Teufelszeichen“ und sahen Krankheiten als „gottgegebenes Schicksal“. Andere Menschen hatten aus gutem Grund Angst: Weil die Impfspritzen anfangs nicht ausreichend gereinigt wurden, gaben sie zeitweise unerkannt Syphilis an Kinder weiter.

Die bayerische Regierung griff laut Hess damals zu drastischen Maßnahmen: „In einem Fall wurden sogar die Eltern in Gewahrsam genommen, damit das Kind währenddessen geimpft werden konnte.“ Gut 200 Jahre später scheint ein solcher Impfzwang ein ganzes Stück weit entfernt. Stattdessen setzt die Politik auf immer mehr Einschränkungen für Ungeimpfte - und Überzeugungsarbeit.

Impf-Appell: „Wir alle wollen einen Lockdown vermeiden, wollen offene Schulen“

Die Landräte im Süden Bayerns riefen angesichts der dramatischen Corona-Lage erneut zu Impfungen auf. „Wir alle wollen einen Lockdown vermeiden, wollen offene Schulen“, sagte die Oberallgäuer Landrätin Indra Baier-Müller (Freie Wähler). „Das schaffen wir nur, wenn sich möglichst viele impfen und boostern lassen und wir Kontakte in den nächsten Wochen wo möglich vermeiden.“ Die Impfquote lag dort zuletzt bei etwa 60 Prozent, etwa 6 Prozentpunkte unter dem im bundesweiten Vergleich ohnehin schon niedrigen Schnitt Bayerns.

Im niederbayerischen Landkreis Rottal-Inn solle das Impfzentrum von Montag an wieder „auf Volllast“ fünf Tage die Woche laufen, kündigte Landrat Michael Fahmüller (CSU) an. Anfang November war dort eine Impfquote von gerade einmal 53,1 Prozent gemeldet worden.

Biontech: Ab wann macht die Booster-Impfung Sinn?

Bayern: Nachfrage nach Corona-Impfungen steigt bei Booster-Impfungen

Jetzt gibt es einen kleinen Lichtblick: Mehrere Kreise in Südbayern meldeten zuletzt, dass die Nachfrage nach Impfungen wieder steige. Im oberbayerischen Landkreis Berchtesgadener Land mit einer Impfquote von zuletzt rund 56 Prozent sei die Nachfrage „im Wochenvergleich sehr stark erhöht“, sagte eine Sprecherin. Allerdings habe es sich überwiegend um Booster-Impfungen gehandelt - also nicht um Impfverweigerer. (kam/dpa)