„Mir fehlen das Theater und der Clown im Zirkus“

Bin ich systemrelevant? Gastkolumne von Susanne Breit-Kessler*

Susanne Breit-Keßler war evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern, künftig übernimmt sie den Vorsitz des neuen bayerischen Ethik-Rates.

Kürzlich auf dem Kinderspielplatz. „Du bist doch auch systemrelevant“, sagt eine junge Mutter zu einer anderen, deren Kind durch den Sandkasten tobt.

Kürzlich auf dem Kinderspielplatz. „Du bist doch auch systemrelevant“, sagt eine junge Mutter zu einer anderen, deren Kind durch den Sandkasten tobt. Vermutlich ging es darum, wer wann den Sohn oder die Tochter in die KiTa bringen darf. Ich habe nicht weiter zugehört, denn ich hatte mit dem einen Satz schon genug zu denken. Du bist systemrelevant. Wer kann das von sich sagen?

Es ist klar, dass in einem Krisenfall wie den Corona-Zeiten definiert wird, wer mit seiner Tätigkeit entscheidend wichtig ist für den Erhalt des Lebens in der Gesellschaft und deswegen auch besonders unterstützt werden muss. Was ist sicherzustellen, wessen Einsatz ist unverzichtbar? Denn es leuchtet unmittelbar ein: Wenn die Wohnung brennt, wird man vor dem Löschen nicht noch Rasen mähen oder Blumen pflanzen.

Begriff bald wieder einmotten - sonst droht ein neues Wertesystem

Bist du systemrelevant? Wenn man das mit einem Ja beantworten kann wie die Mutter auf dem Spielplatz, weil sie als Krankenschwester, Lehrerin oder Polizistin arbeitet, ist das eine gute Sache. Wer momentan genau weiß und vor allem zu spüren bekommt, dass er im System, also in unserer Gesellschaft, akut für nicht ganz so entscheidend gehalten wird, fühlt sich möglicherweise missachtet. Und steigt irgendwann aus dem Miteinander aus.

Es wird notwendig sein, diesen Begriff, der eine Hilfskonstruktion für notwendige Entscheidungen war, bald wieder einzumotten. Denn sonst könnte es sein, dass ein neues Wertesystem Einzug hält. Eines, das Menschen danach beurteilt, was sie zu leisten vermögen, wenn man sie gerade mal ganz dringend braucht. Das „too big to fail“, zu groß zum Scheitern, wäre dann eine reine Nützlichkeitserwägung. Wen kann man brauchen?

Lebensnotwendig sind auch Musikerinnen, Maler & Co. 

Denn lebensnotwendig sind zum Beispiel auch Musikerinnen, Maler und Artistinnen, Designer und Galeristinnen, die das Herz erfreuen, der Seele Flügel verleihen und Gedanken zu neuen Horizonten aufbrechen lassen. Es sind Gastronomen, die den Sinnen Nahrung geben, und jene, die für Unterhaltung sorgen. Mir fehlen das Theater, der Clown im Zirkus und alle die, die mir Neues zeigen. Natürlich kann ich warten - aber sie vielleicht nicht.

Systemrelevant. Muss man etwas leisten, damit man für andere Bedeutung hat? Ein Segen für das Miteinander sind auch die, die uns auf Grund ihrer Einschränkungen lehren, dass Leben nicht ohne Verletzungen und Narben, nicht ohne Verzicht zu haben ist. Systemrelevant sind tapfere Freude am Dasein, Zuversicht und Hoffnung. Und nicht zuletzt die Lust, mitzuarbeiten an einer Demokratie, die stolz ist auf alle ihre Menschen.

*Susanne Breit-Keßler war evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern, künftig übernimmt sie den Vorsitz des neuen bayerischen Ethik-Rates.

Quelle: Merkur.de