Besuch auf der Baustelle

Brenner-Nordzulauf: Lernen von Italien

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Die Bauarbeiten im Tunnel schreiten schnell voran.

Der Brenner-Nordzulauf durch das Inntal bewegt die Region Rosenheim. Doch noch ist kein einziger Meter Tunnel gebaut, keine Schiene verlegt. Wie es geht, zeigt – ausgerechnet – das Krisenland Italien. Dort macht der Südzulauf für den Brennerbasistunnel gerade Fortschritte.

Franzensfeste – Bei Mauls etwas nördlich des Südtiroler Dorfes Franzensfeste an der Brenner-Autobahn geht es in den Berg: Gute zwei Kilometer brettert der Kleinbus über eine Zufahrtsröhre tief ins Dolomitengestein, 200 Meter Höhenmeter abwärts. Dann ist Ausstieg in einem riesigem Hohlraum – Kaverne nennen es die Höhlenmenschen von der Tunnelbau-Gesellschaft Brennerbasistunnel BBT SE. In ihr hätte auch ein Mehrfamilienhaus Platz. „Willkommen im Tunnel“, sagt Heinz Tschigg. „Wir haben 1000 Meter Fels über uns.“ Tschigg organisiert für die Tunnelbauer die Besichtigungen. Man hört ihn kaum – denn nebendran wummert eine Anlage zur Herstellung von Beton. Es mahlt, dreckt und staubt.

Es rührt sich was im Berg – das vermittelt die Fahrt eindrucksvoll. Der Brennerbasis-tunnel ist kein Phantom mehr. 98 von insgesamt 230 Kilometer Tunnel sind nun gebohrt. Täglich fressen sich zwei Tunnelbohrmaschinen dutzende Meter weiter. Im Mai soll ein dritter Riesenbohrer „angedreht“ werden, wie es im Fach-Jargon heißt. Danach geht es noch schneller mit dem Bau der beiden Hauptröhren, in der künftig Güter- und Fernzüge bis zu 230 km/h schnell von Innsbruck bis Franzensfeste fahren sollen. Fahrzeit 25 Minuten – fast eine Stunde weniger als heute.

Wenn der Zulauf nicht funktioniert, ist der Tunnel nur die Hälfte wert

Der Brennerbasistunnel kommt also – das ist offensichtlich. Doch der Delegation von der Deutschen Bahn geht es diesmal um etwas anderes: die Zulauf-Strecken. Jeder Tunnel, auch der 55 Kilometer lange in Tirol und Südtirol, hat ein Anfang und ein Ende – und wenn dort der Zulauf nicht funktioniert, ist der Tunnel nur die Hälfte wert. Es ist vielleicht wie bei einem kranken Herz, dessen Bypässe verstopft sind.

Daher müssen auch die Zulaufstrecken zum Tunnel im Norden und Süden ausgebaut werden, sagen sie bei der Bahn. Für den Bypass im Süden sind sie nicht zuständig, das ist Sache von Italien. Aber für den Bypass im Norden schon. Und da sieht es bisher nicht rosig aus.

Ein Querschnitt durch den Tunnel, der aus zwei Hauptröhren und einem Versorgungsstollen in der Mitte besteht. 

So wird das Ziel der Reise erkennbar: Die Deutsche Bahn will zeigen, dass die Planungen für den Südzulauf flott vorangehen – flotter jedenfalls als im Norden. Der Südtiroler Martin Aussendorfer vom Aufsichtsrat der Tunnelbaugesellschaft BBT SE kann das nur bestätigen. „Wir sind wirklich weiter, als manche glauben.“

Von wegen schlampige Italiener. Tatsächlich ist Italien ein regelrechtes Paradies für Bahnfahrer – und das sagen immerhin die mitreisenden Vertreter der Deutschen Bahn. Das Stichwort Frecciarossafällt öfters – das ist der italienische Super-Zug, eine Art ICE XXL, der zum Beispiel Mailand mit Rom in 2:55 Stunden verbindet. Italien ist also Eisenbahnerland – da erstaunt es nicht, dass das Land trotz Wirtschaftskrise Milliardenbeträge in den Bau des Südzulaufs investieren will. So versichert es jedenfalls mit einer gewissen Portion Zweckoptimismus der BBT-Aufsichtsrat Aussendorfer.

Der Brennerbasistunnel ist das Herzstück des Bahnprojekts. Er führt von Innsbruck bis Franzensfeste. Südlich soll eine zweigleisige Zulaufstrecke anschließen, die Planungen sind schon ein ganzes Stück weiter als im Norden zwischen Kufstein und Rosenheim.

Der Südzulauf ist in vier Abschnitte unterteilt: Vom Südende des Brennerbasistunnels bei Franzensfeste führt der erste Abschnitt bis Waidbruck. Hier soll noch in diesem Jahr die Ausschreibung für „Lotto 1“ (italienisch für Baulos) erfolgen. Die Finanzierung für den Bau eines 14 Kilometer langen Tunnels ist gesichert: 1,55 Milliarden Euro – wobei 20 bis 40 Prozent die EU übernimmt. Recht konkret ist auch die Planung des zweiten Bauabschnitts bis Bozen mit einer Umfahrung von Südtirols Hauptstadt – wieder mit langem Tunnel.

Gegner der  neuen Gleise hatten sogar Sperrgrundstücke gekauft

Bei den beiden restlichen Abschnitten muss Aussendorfer aber Unwägbarkeiten einräumen: Im Abschnitt bis Trient (Trento) gebe es „doch einige Versäumnisse“, es seien „gezielte Desinformationen gestreut“ worden, deutet er an. Gegner der neuen Gleise hätten sogar Sperrgrundstücke gekauft. Und beim südlichsten Baulos vor Verona ist der Bürgermeister umgekippt. Der Lega-Nord-Mann ist jetzt gegen den Bau neuer Gleise vor und in seiner Stadt. „Generell ist die Lega Nord aber infrastruktur-freundlich“, versichert Aussendorfer.

Merkur-Redakteur Dirk Walter im Tunnel.

Der Chefplaner des Nordzulaufs bei der Deutschen Bahn, Torsten Gruber, wäre froh, wenn er schon so weit wäre wie die Italiener. Er faltet einen großen Plan mit ungefähr 105 Trassenvorschlägen auseinander. Überall Striche quer durch das schöne Inntal. Das gefällt nicht jedem. Im Februar demonstrierten 3000 Leute vor dem Rosenheimer Landratsamt. Gruber versteht das sogar. „Wir müssen nun schnell Unsicherheiten rausnehmen“, sagt er.

Grubers Zeitplan schaut so aus: Im Juli sollen „eine Handvoll“ Trassenvorschläge („es können vier, aber auch sechs sein“) für den Bau von zwei neuen Gleisen von Kiefersfelden bis Rosenheim vorliegen. Ein Tunnelanteil von mindestens 15 bis 20 Prozent („weniger geht nicht“) ist wahrscheinlich. Vor allem im Süden bei Kiefersfelden wird es wohl auf zwei getrennte Tunnel-Röhren unter Jochstein oder Kitzwand hinauslaufen.

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Besonders umstritten aber ist der Weiterbau im Norden, bei Rosenheim – vor allem die drei Gemeinden Stephanskirchen, Rohrdorf und Riedering sind Hochburgen des Widerstands. Vielleicht findet sich ja weiter westlich eine Trasse – da lässt sich Gruber noch nichts entlocken. Er schließt auch nicht aus, dass zunächst nur von Süden her abschnittsweise geplant und gebaut wird – das sei besser als nichts.

Klar ist schon jetzt, dass der Nordzulauf noch lange nicht gebaut ist, wenn der Brennerbasistunnel 2027 oder 2028 in Betrieb geht. In diesem Zeitraum rechnet Gruber erst mit dem Baubeginn. Zehn Jahre später könnte der Nordzulauf in Betrieb gehen.

Das wäre dann so um 2038. „Frühestens“, schiebt Gruber zur Sicherheit nach.

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Quelle: Merkur.de