„Wird immer weniger attraktiv“

Krisenstimmung an Bayerns Mittelschulen: Schülerzahlen sinken - auch wegen Corona

Die Mittelschule hat einen schlechten Ruf, klagen Rektoren. Hier Schülerinnen im Kreis Fürstenfeldbruck.
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Die Mittelschule hat einen schlechten Ruf, klagen Rektoren. Hier Schülerinnen im Kreis Fürstenfeldbruck.

Um die Mittelschule war es ruhig geworden, die Zeit des Schulsterbens schien vorbei, die Schulart gerettet. Nun kehrt die Krise zurück - auch wegen Corona.

München – Der Titel klingt nach Vollalarm: „Mittelschule vor dem Kollaps“, hat Eva Guerin ihren Vortrag vor einem CSU-Schul-Arbeitskreis überschrieben. Die Rektorin der Grund- und Mittelschule Poing (Kreis Ebersberg) ist voller Sorgen. „Die Mittelschule wird für Schüler und Eltern immer weniger attraktiv“, klagt sie. Es gibt zu wenig Lehrer, vor allem Fachlehrer für die Spezialisierung ab der 8. Klasse fehlten. Lehramtsstudenten entschieden sich eher für Studiengänge Richtung Realschule oder Gymnasium, weil sie da mehr verdienen – die Eingangsbesoldung ist nur A12, nicht A13 wie bei den anderen Schularten. Und Schüler würden die Mittelschule neuerdings ebenfalls meiden.

Nach der Statistik des Kultusministeriums leidet die Mittelschule seit Jahren unter Schülerrückgang – als einzige Schulart in Bayern. Derzeit besuchen laut Statistik noch 190.100 Kinder die Mittelschule – über 4500 weniger als noch im Vorjahr.

Stirbt die Mittelschule aus? Frühere Hauptschule hat 120.000 Schüler verloren - Realschule profitiert

Früher war die Zahl der Mittelschüler weit größer als die der Realschüler. Das ist schon lange nicht mehr so. In den 15 Jahren zwischen 2000 und 2015 hat die frühere Hauptschule 120.000 Schüler verloren. Im Schuljahr 2009/10 kehrten sich die Verhältnisse erstmals um – es gab mehr Real- als Mittelschüler. Es ist auch eine Folge der Realschulreform – seit dem Jahr 2000 beginnt die Realschule mit Klasse 5, nicht mehr wie zuvor mit Klasse 7. Begabte Schüler wechseln jetzt gleich auf die höhere Schulart über.

Wenn man mit Mittelschulrektoren spricht, hat man nicht den Eindruck, es werde jemals wieder anders. „Der Mittelschul-Abschluss wird in unserer Gesellschaft nach wie vor als minderwertig angesehen“, sagt der Rektor Ulrich Throner von der Schule Rottach-Egern. Das trifft sich mit Beobachtungen des Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverbands(BLLV). BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann lädt am Montag zur Pressekonferenz mit dem Titel: „Das Kartenhaus steht - aber wie lange noch?“ Vorab erklärt sie: „Wir waren selten so schlecht aufgestellt wie jetzt.“

Mittelschule in der Krise: Nur noch wenige Schüler werden angemeldet

Mit Ach und Krach hat Eva Guerin in diesem Jahr noch zwei Eingangsklassen zustande gebracht. 30 Kinder hatten sich ursprünglich angemeldet. Nur weil kurz vor knapp noch ein Schüler dazukam, überwand Guerin die Teilungsgrenze und konnte zwei Klassen bilden. Ganz ähnlich ist es in Rottach-Egern: Früher gab es 60 Fünftklässler, jetzt nur noch halb so viele.

Ein Grund für den aktuellen Rückgang sei die Corona-Krise, sagt Rektor Throner. Der Übertritt auf Realschule und Gymnasium sei noch einmal leichter geworden. „Man hat versucht, den Schülern nichts zu verbauen.“ Eltern würden „häufig eine emotionale Entscheidung“ treffen. Seine Kollegin Eva Guerin berichtet, stattdessen würden vermehrt Schüler an der Mittelschule angemeldet, die eigentlich an der Förderschule besser aufgehoben seien. Früher entschied ein Mobiler Pädagogischer Dienst – heute der Elternwille.

Throner hofft, dass er mit Veranstaltungen wie dem „Tag der betrieblichen Ausbildung“ wieder punkten könne. Schülern müsse vermittelt werden, dass auch Handwerksberufe vielseitig seien. Es ist unklar, ob das die Krise aufhält. „Für die nächsten Jahre wird mit einem weiteren Rückgang der Schülerzahlen gerechnet“, prognostiziert das Kultusministerium.