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Experte äußert sich zu Corona-„Spaziergängen“ in Bayern: „Leute sehen nicht, dass sie manipuliert werden“

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In München geraten Teilnehmer einer Demonstration gegen Corona-Maßnahmen mit der Polizei aneinander.
Immer wieder muss die Polizei bei sogenannten „Corona-Spaziergängen“ eingreifen. (Archivbild) © Sachelle Babbar/imago

Jede Woche gehen zahlreiche Menschen bei sogenannten „Spaziergängen“ auf die Straße, um gegen die Corona-Politik zu protestieren. Ein Psychologe erklärt, wieso dieses Phänomen gefährlich ist.

Bamberg - Fast schon täglich kommt es in Bayern zu Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen. Die sogenannten „Spaziergänge“ verlaufen teils gewaltvoll. Immer wieder kommt es zu Ausschreitungen mit der Polizei, wie zuletzt in Schweinfurt und München. Viele der Protestzüge verlaufen aber auch friedlich und ohne weitere Zwischenfälle, zum Beispiel in Nürnberg. Ein Psychologe aus Bamberg erklärt im Interview mit nordbayern.de, wieso das Phänomen dennoch so gefährlich ist.

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Corona-Demos in Bayern: Warum das Phänomen „Spaziergänge“ so gefährlich ist

Allein der Begriff „Spaziergang“ verfolge schon zwei Strategien, erklärt der Bamberger Professor für Psychologie Claus-Christian Carbon im Gespräch mit dem Nachrichtenportal. „Zum einen klingt Spaziergang wesentlich harmloser als Protest. Also fragt man eine Person, ob sie mit spazieren gehen möchte, um die eigene Meinung kundzutun und um Gleichgesinnte zu treffen, klingt das natürlich wesentlich einladender und friedlicher“, so Carbon. „Zum anderen steckt in dem Wort der historische Bezug zu den Montags-Spaziergängen am Ende der DDR.“ Diese historische Verbindung sei „äußerst gefährlich“ und werde bewusst eingesetzt, „um sich als Freiheitskämpfer zu inszenieren.“ Das seien die Demonstranten aber nicht.

„Viele Menschen, die da mitlaufen, sind sich nicht bewusst, dass sie ein willfähriges Opfer geben für jene, die eigentlich etwas ganz anderes wollen, nämlich die demokratischen Strukturen zerstören. Vielen Beteiligten sind keine schlechten Absichten nachzuweisen - sie sehen schlichtweg aber nicht, dass sie tatsächlich massiv manipuliert werden“, erklärt Carbon nordbayern.de.

Bamberger Psychologe: „Würde nie jemanden verunglimpfen, der dort mitmarschiert“

Viele Demonstranten ärgern sich darüber, dass sie mit Rechtsextremen in einen Topf gesteckt werden. Carbon weist im Interview darauf hin, er würde daher nie „von ‚denen‘“ sprechen, sondern von einem Phänomen, das gefährlich ist. Er würde auch nie jemanden verunglimpfen, der dort mitmarschiert, denn man könne „schlicht nicht bei jedem Individuum sagen, was seine Motivation ist“. Allerdings sei bei einem Kern dieser Gruppe die Motivation, „zu zerstören und zu verunsichern“. Ein Großteil laufe da relativ unbedarft mit. Die Assoziationen, die dort geweckt werden, seien brandgefährlich. Ein Experte für Verschwörungstheorien erklärt im Interview mit Merkur.de, was die Beweggründe der „Spaziergänger“ sind.

„Man sollte niemals sagen, dass das Menschen sind, die nicht gebildet sind oder nichts verstehen. Sondern sie sehen einfach nur einen bestimmten Teilaspekt nicht“, erklärt Carbon im Interview mit nordbayern.de. Manche Menschen seien blind für bestimmte Phänomene, da sie sie nicht sehen wollen. Bei den Demos werde immer wieder über die Stränge geschlagen. Bei einem „Spaziergang“ in Schweinfurt wurde beispielsweise ein Kind verletzt, die Kritik an der Mutter ist seither groß. „Sobald dort solche Dinge passieren, bin ich aber ein Teil des Ganzen und darüber sollte ich tatsächlich reflektieren und mich fragen: Will ich bei einer Gruppe mitmarschieren, die Gewalt anwendet oder sich fremdenfeindlich äußert?“

Carbon ist sich sicher, dass die Corona-„Spaziergänge“ irgendwann einfach aufhören werden. „Wenn die propagierten Probleme wie beispielsweise die massive Arbeitslosigkeit, die es ja nicht gegeben hat, auch in der Zukunft nicht eintreten, dann gibt es keine Grundlage mehr“, sagt er gegenüber nordbayern.de. Er ist sich aber auch sicher, dass es in der nächsten Krise wieder Proteste geben wird. Carbon schlägt eine „aktiver Bürgerbeteiligung gerade auf kommunaler Ebene“ vor, um gegen solche Phänomene vorzugehen. (tkip)