Mobilität für 16-Jährige

Darauf fahren Jugendliche ab: Dreirad mit vier Reifen erobert Deutschland

Ein Ellenator von hinten. Besonders sind die Hinterreifen, die ganz eng zusammen liegen.
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Hat zwar vier Reifen, gilt aber als Dreirad. Deshalb reicht ein A1-Führerschein für dieses Gefährt.

Ein Tüftler aus dem Allgäu hat ein Auto entwickelt, das schon 16-Jährige fahren dürfen. Die Fahrzeuge sind beliebt – sie rollen inzwischen durch ganz Deutschland. Der TÜV hat grünes Licht gegeben – beim ADAC fällt das Zeugnis aber nur mittelprächtig aus.

Dösingen – Zwischen Werkbank und Ersatzteilen trank Wenzel Ellenrieder das wichtigste Feierabendbier seines Lebens. Sein ältester Sohn Markus war gerade 16 Jahre alt und Besitzer eines A1-Führerscheins – dem „125er“, wie ihn Jugendliche nennen. Damit darf man Krafträder mit einem Hubraum von 125 Kubikzentimetern fahren. Ellenrieder wollte seinem Sohn einen sicheren fahrbaren Untersatz verschaffen. Ein Zweirad sollte es nicht werden, weil Wenzel Ellenrieders Bruder als 17-Jähriger auf einem Motorrad gestorben war.

Ellenrieder ist ein Macher. Ein „Mächler“, wie man in seiner Heimat Dösingen im Ostallgäu sagt. Ellenrieder nennt sich selbst nicht so. Das Reden überlässt er anderen. Im Polo-Shirt und mit seiner zurückhaltenden Art wirkt er nicht wie der Chef eines mittelständischen Unternehmens. Das stört ihn nicht. Er tüftelt eh lieber. Früher hatte er schon Patente auf Lenköl-Leitungen angemeldet. Und er hatte mal wieder eine Idee.

Gesetzeslücke macht die Erfindung erst möglich - wer einen „125“-Schein hat, kann dieses Auto fahren

Er wollte ein Auto bauen, das als Dreirad gilt, aber die Ausstattungs eines normalen Wagens hat. Seit 2013 dürfen Fahrer mit einem A1-Führerschein motorisierte Dreiräder fahren, die höchstens 20 PS haben. Und weil der Allgäuer Herausforderungen mag, ging er es einfach an. Er tüftelte. 13 000 Stunden lang. „Ich habe gearbeitet, im Brotzeitraum geschlafen und bin direkt wieder in die Werkstatt“, sagt er. Er würde es wieder tun. Herausgekommen ist ein Auto, das die Blicke auf sich zieht: „Ellenator“ hat der Erfinder seinen Wagen getauft. Ellenrieder baut Fiat 500 um. Die hintere Achse wird entfernt, die Hinterreifen mittig unter dem Kofferraum zusammengeschoben. Solange die Räder nämlich nicht weiter als 46,5 Zentimeter auseinander sind, wertet der Gesetzgeber die beiden Reifen als einen Reifen. Das Dreirad wird gedrosselt, erreicht bis zu 90 km/h.

Achse raus, Reifen zusammen: Hier entsteht ein Ellenator

2015 rollte der erste Ellenator auf die Straße. Die Erfindung wurde von Ingenieuren geprüft und vom TÜV abgesegnet. „Wenn wir 50 bis 100 im Jahr verkaufen, ist das schon gut“, hat sich Ellenrieder damals bescheiden gedacht. Es wurden mehr. Deutlich mehr. Über 1000 Modelle sind schon unterwegs. Ellenrieder musste seine Werkstatt ausbauen. Acht Fiat 500 werden jetzt gleichzeitig umgebaut. Vorbestellte Wagen warten auf dem Hof des Autohauses auf den Umbau. Der normale Betrieb von Werkstatt und Autohaus läuft auch noch. In Dösingen gibt es ein paar hundert Menschen, hübsche Bauernhäuschen, einen Supermarkt und das Autohaus Ellenrieder. Von hier aus rollen die Dreiräder inzwischen nach ganz Deutschland.

Die Jugendlichen, die das Auto fahren, machen ihren Führerschein auf zwei Rädern.

Verkehrsexperte der Polizeiinspektion Starnberg

Kürzlich machte jedoch ein Unfall Schlagzeilen. Ein Ellenator kippte auf die Seite. Die Insassen wurden bei dem Unfall in Feldafing, Kreis Starnberg, verletzt. Einer brach sich das Bein. Der Unfall ist aber laut Oliver Jauch, Verkehrsexperte der Starnberger Polizei, nicht auf die Konstruktion des Ellenators zurückzuführen: Der 17-jährige Fahrer war alkoholisiert und zu schnell in der Kurve unterwegs. Sieben Jugendliche quetschten sich in den Viersitzer. Der Fahrer des Unglücksabends war das erste Mal mit dem Ellenator eines Freundes unterwegs. Den nötigen Führerschein besaß der junge Mann. Dieses Problem sieht der Verkehrsexperte: „Die Jugendlichen, die das Auto fahren, machen ihren Führerschein auf zwei Rädern.“

Fahrschul-Gutscheine für Kunden sollen Sicherheit verbessern

Auch der Erfinder weiß das. Jeder Ellenator-Kunde bekommt von ihm einen Fahrschul-Gutschein über 100 Euro, um Erfahrung zu sammeln. In der Werkstatt steht ein Fahrschul-Ellenator. Er wirbt mit „Fahren ab 16“ auf der Motorhaube.

Grundsätzlich hat Verkehrsexperte Jauch keine Bedenken bei dem Modell. „Die meisten jungen Leute wissen, was sie für ein Geschoss unter sich haben.“ Außerdem hat der TÜV grünes Licht für die Dreiräder gegeben. Rechtlich ist der Ellenator sicher.

ADAC sagt: Mittelmäßig - aber besser als andere.

Der ADAC stellte bei einem Test im Jahr 2018 jedoch ein mittelprächtiges Zeugnis aus. Abschlussnote: 3,2, befriedigend. Die Fahrstabilität wurde in dem Test bemängelt. Ab einem Tempo von 65 km/h drohte der Wagen bei einem Ausweichtest zu kippen. Bei einer Testfahrt mit dem Ellenator fällt das nicht auf. Der Wagen beschleunigt recht behäbig, aber die Position der Hinterreifen macht keinen merklichen Unterschied im Fahrverhalten. Die anderen Autos, die man mit dem A1-Führerschein fahren darf – Aixam und Renault Twizy – wurden im ADAC-Check mit „mangelhaft“ abgestraft.

Pionier und Erfinder: Markus Ellenrieder (links) war der erste, der den Ellenator seines Vaters Wenzel fahren durfte.

Für Ellenrieder ist der Sicherheits-Vorsprung seiner Erfindung nur logisch. „Der Wagen hat die Ausstattung eines Autos, das mehr als doppelt so schnell fahren kann“, sagt er. Sieben Airbags, ABS, ESP – alles auf Pkw-Niveau. Ein gefährlich lahmes Hindernis für andere Verkehrsteilnehmer ist er mit bis zu 90 km/h nicht einmal auf der Landstraße. „Uns ist es am wichtigsten, dass junge Menschen sicher von A nach B kommen“, sagt Ellenrieders Sohn Markus, der Pionier. Er war der Erste, der einen Ellenator fahren durfte. Er hat sich immer sicher gefühlt in dem Wagen aus der Werkstatt seines Vaters, in der er heute als Kfz-Meister selbst arbeitet. Und der Papa tüftelt munter weiter. Zum Beispiel an Schuhinnensohlen, die per Induktion beheizt werden. Für Menschen im Kühlhaus oder am Skilift. Dinge, auf die man halt so kommt, beim Feierabendbier.