Wie ein Säugling von der SS nach Bayern verschleppt wurde

Holocaust-Gedenktag: Das geraubte Baby Haymo

Eltern mit einem Kind
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Die Zieheltern Charlotte und Hermann Heyder mit dem kleinen Haymo.

München – Die Lebensgeschichte von Haymo Heinrich Heyder liest sich wie ein Kriminalfall. In Slowenien als Baby von den Nazis geraubt, an eine Hitler-treue deutsche Familie gegeben, erfuhr er erst Mitte der 1980er-Jahre seine wahre Herkunft. Heute lebt er in Costa Rica unterhalb der Armutsgrenze und muss immer noch arbeiten - trotz schwerer gesundheitlicher Probleme. Denn die Bundesregierung verweigert ihm eine Opferrente.

Der heute 79-Jährige blickt auf ein ereignisreiches Leben zurück. Er war von Beruf Tonmeister, arbeitete an Filmen der Krimiserie „Derrick“ mit. Sein erster Dreh war indes der Film „Kaspar Hauser“ von Werner Herzog – ein seltsamer Zufall, denn Kaspar Hauser war wie Haymo Heyder ein Findelkind, vielleicht ein Entführungsopfer, mit Sicherheit aber ein Mensch mit ungeklärter Herkunft und Identität.

1942 in Slowenien kam die SS

Die Geschichte von Haymo Heyder beginnt 1942 im besetzten Slowenien. Bei der „Aktion Enzian“ brannte die SS zusammen mit der deutschen Polizei Dörfer nieder, erschoss Männer und Frauen – und verschleppte über 1100 Kinder ins Deutsche Reich zur „Eindeutschung“. Fast die ganze Familie von Haymo Heyder, der eigentlich Vili Gorucan hieß, wurde damals ermordet. Seinen Großvater Josef erschoss das Münchner Polizei-Bataillon 72 wegen seiner Mitgliedschaft in der kommunistischen Partei, seine Muter Maria und seine Großmutter sind im Vernichtungslager Auschwitz ermordet worden.

Das erfuhr Haymo Heyder aber erst lange Jahre nach dem Krieg. Erste Hinweise, dass mit seiner Herkunft etwas nicht stimmte, bekam er 1969. Damals wollte sich der bis dato staatenlose junge Mann einbürgern lassen. Eine Münchner Standesbeamtin teilte ihm aber mit, dass die Geburtsurkunde falsche Angaben enthielt. Hymo Heyder stellte seine Eltern zur Rede: „Ich habe gerade gesehen, dass ich adoptiert bin“, sagte er ihnen. „Mutter hat geweint. Der Vater war sehr ernst. Ich habe ihn noch nie so ernst gesehen“, berichtete Heyder bei einem Besuch in Costa Rica.

Statt die Wahrheit zu erzählen, erfand der Vater damals eine neue Mär: Seine richtigen Eltern seien beim Bombenangriff auf Leipzig ums Leben gekommen. Sogar die Geburtsurkunde fälschte er damals: Den Ort Cilli in Slowenien ersetzte er durch „Zilly“ bei Halberstadt.

Die NS-Organisation „Lebensborn“

Die ganze Wahrheit kam später ans Licht: Die SS hatte den Säugling im Alter von fünf Monaten mit Hilfe der NS-Organisation „Lebensborn“ und mit vielen anderen Babys 1942 per Zug nach Deutschland gebracht – nach Kohren-Sahlis bei Leipzig. Das Lebensborn-Heim „Sonnenwiese“ war der Umschlagplatz für „arische“ Kinder. Darunter war auch der kleine Haymo. Wie auf dem Viehmarkt durften sich regimetreue Pflegeeltern ein Kind aussuchen. Die Wahl von Charlotte und Hermann Napoleon Heyder aus Abensberg in Niederbayern fiel auf den kleinen blonden und blauäugigen Säugling.

Hermann Heyder war ein Hitler-Anhänger, daran gibt es keine Zweifel. Er war der Großonkel des „Reichsführers SS“ Heinrich Himmler und hielt auch noch während des Zweiten Weltkriegs mit ihm engen Kontakt. Trotzdem: Auch den Eltern tischte „Lebensborn“ Lügen über die Herkunft der Kinder auf: Angeblich stammte das Kind von „greuelgemordeten Volksdeutschen“.

Durch einen Briefwechsel zwischen Hermann Heyder und Himmler lässt sich rekonstruieren, wie es zur Vermittlung von Vili Gorucan kam.

Am 1. Februar 1942 schrieb Heyder: „Lieber Heinrich! Du hast mir in Berchtesgaden (...) Deine Hilfe angeboten und jetzt wir dich, lieber Heinrich, uns zu Adoptivkindern zu verhelfen. Wir versprechen dir, diese ,unsere’ Kinder als liebevolle Eltern zu aufrechten deutschen Menschen zu erziehen, die in den Ideen des Nationalsozialismus aufwachsen sollen.“ In einem weiteren Brief heißt es: „Mein lieber Heinrich! Wir fanden dann fast auf Anhieb den kleinen Wilhelm Gorutschan, der blond und blauäugig, ein richtiger deutscher Junge zu werden verspricht.“

Aus Dankbarkeit bekam der kleine „Wilhelm“, ergo Vili, auch den Vornamen des Massenmörders Himmler verliehen: „Haymo ist ein altbayrischer Name und Heinrich ist zur Erinnerung an dich für uns eine liebe Ehrensache geworden.“ Um das geraubte Kind im Familienkreis zu begrüßen, erhielt der SS-Führer eine Einladung seines Großonkels. Himmler begutachtete das Raubkind Haymo in Abensberg persönlich.

Haymo Heyder hat seinen Frieden mit der Familiengeschichte gemacht. „Vom Gefühl her sind Hermann und Charlotte Heyder meine Eltern.“ Klar, sie hätten versucht, seine wahre Herkunft zu vertuschen. Aber: „Ich weiß nicht, ob zu meinem Wohl oder zu ihrem Wohl.“

Der Autor

Christoph Schwarz ist Vorsitzender des Vereins „Geraubte Kinder – vergessene Opfer“.