Der neue König von Bodenmais

Michael Adam: "Es ist schwer, eine Beziehung zu finden. Jungs in meinem Alter wollen lieber Spaß haben, als mit mir in Bodenmais First Lady zu spielen."
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Michael Adam: "Es ist schwer, eine Beziehung zu finden. Jungs in meinem Alter wollen lieber Spaß haben, als mit mir in Bodenmais First Lady zu spielen."

Bodenmais - „Ich bin alles, was man in Bodenmais nicht sein darf – in der SPD, jung, evangelisch und schwul.“ Ein tz-Besuch beim jüngsten Bürgermeister Bayerns, Deutschlands und Europas.

Gemütlich tuckert das „Bomoiser Schnauferl“ durch die Straßen von Bodenmais. In bestens einstudiertem Hochdeutsch weist „Schosl“, der Fahrer des kleinen Bummelzugs, am Mikrofon auf die Sehenswürdigkeiten hin: „Aufgepasst! Hier sehen Sie das Rathaus. Hier arbeitet ab Mai Michael Adam, der jüngste Bürgermeister Europas!“

Kein Wunder, dass der Schosl mit der Sensation wirbt, die seit März den idyllischen Urlaubsort mitten im Bayerischen Wald durcheinanderwirbelt. Nicht nur, dass Michael Adam bei der Bürgermeisterwahl nach 18 Jahren die CSU abgestraft und Vorgänger Fritz Wühr aus dem Amt gekickt hat – im Alter von nur 23 Jahren. Auf einer Pressekonferenz der Landtags-SPD in München sagte erkurz nach seinem Wahlsieg den Satz, der ihn in ganz Deutschland berühmt gemacht hat: „Ich bin alles, was man in Bodenmais nicht sein darf – in der SPD, jung, evangelisch und offen schwul.“

Seitdem geht‘s drunter und drüber in der 3.330-Seelen Gemeinde am Fuße des Arber. Fernseh-, Radiosender und Zeitungen stehen Schlange, sogar Johannes B. Kerner holte den Bürgermeister-Rebell in seine Sendung.

„Mit dem Ansturm hätte ich nie gerechnet“, sagt Adam, als ihn die tz am Montag in Bodenmais besucht. „Ich bereue trotzdem nichts. Es war gut, dass ich von Anfang an offen war. Als Bürgermeister muss man authentisch sein.“ Allen will er zeigen: Im Bayerischen Wald gibt‘s nicht nur Hinterwäldler! „Sie sollen sehen, dass wir tolerant sind.“

Auf ihren Sensations-Bürgermeister angesprochen, winken viele Bodenmaiser ab: „Wir wussten doch sowieso, dass er schwul ist.“ Sie glauben, dass er den Ort voranbringt: ein junges, dynamisches Zugpferd!

Mit 18 hatte Adam sein Coming-Out. Seine Eltern Michael, Schweißer, und Hiltrud, zahnärztliche Assistentin, und Zwillingsschwester Miriam, die in Frankfurt am Main Germanistik studiert, reagierten entspannt – die Bodenmaiser im Wahlkampf ebenfalls. Nach der Wahl bekam er Briefe von zig Menschen, die ihm alle zu seiner Offenheit gratulierten – und nun auch in Bodenmais Urlaub machen wollen!

Das freut Adam sehr: Die Gemeinde braucht die Touristen. Um so schlimmer, dass Adams Amtszeit mit einem weiteren Paukenschlag beginnt: Der Bodenmaiser Tourismus GmbH, der ehemaligen Kurverwaltung, droht die Insolvenz. Dadurch könnte die bereits verschuldete Gemeinde arg belastet werden. Ein Abschieds-„Geschenk“ von Adams Vorgänger im Amt, schimpfen viele Bodenmaiser.

Nun will Adam mit aller Kraft das Ruder wieder herumreißen. Dafür hat er sein Politikstudium in Regensburg auf Eis gelegt, Zeit für Privates wird er nicht mehr viel haben. Wobei es ohnehin schwer sei, einen Freund zu finden: „Jungs in meinem Alter wollen lieber Spaß haben, als mit mir First Lady zu spielen.“

Doch Adam rückt seine Krawatte zurecht – der nächste Termin wartet schon. „Ich kann mit Freizeit sowieso nichts anfangen“, sagt er.

Da biegt das „Bomoiser Schnauferl“ wieder ums Eck. Erfreut zeigt der Schosl auf den Bürgermeister: „Eine Sensation!“

Quelle: tz

Quelle: tz