Zeit, Ordnung zu schaffen!

Detox für die Wohnung - Gastkolumne von Susanne Breit-Keßler*

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Susanne Breit-Keßler war evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern, künftig übernimmt sie den Vorsitz des neuen bayerischen Ethik-Rates.

Zeiten wie diese sind hervorragend geeignet, um Ordnung zu schaffen.

Erstaunlich, was man besitzt und nicht braucht. Kleidung, Bücher, Nippes - Kram ohne Ende. Was länger als zwölf Monate nicht getragen wurde, gehört zu Diakonie oder Caritas gebracht. Literatur, die einen anders als Rose Ausländers oder Rilkes Gedichte kaum lebenslang begleiten wird, darf wie Vasen und Geschirr zum Flohmarkt oder in der Stadt zu einer der kleinen Büchereien, die auf unseren Plätzen stehen. Dort nimmt jeder aus dem Regal, was er sich zu Gemüte führen möchte. Auf diese Weise lässt sich tatsächlich noch viel Gutes tun.

Bei dem Versuch, aus Tohuwabohu, der häuslichen Ansammlung von Hab und Gut, eine übersichtliche Schöpfung zu gestalten, entdeckt man allerdings auch Gegenstände von zeitlosem Wert. Geschenke sind darunter, bei denen sich jemand richtig Gedanken gemacht hat. Da ist der Dauerkalender eines renommierten Verlages mit grandiosen Naturaufnahmen, den man jedes Jahr wieder Tag für Tag umblättern kann. Aus den beigefügten Texten erfährt man Eindrucksvolles aus der ganzen Welt. Ein kleines Tablett, auf der Unterseite gepolstert, lässt einen bequem und gemütlich beim Fernsehen essen. Das ist nicht gesund, aber schön. Man kann darauf auch Artikel schreiben.

Was belastet, bekommt eine neue Bestimmung

Kleine Designerschälchen lassen sich aufeinander stapeln, mit Kräutern und Zwiebelchen befüllen. Das Türmchen ist dann nur zwanzig Zentimeter hoch und hat bloß einen einzigen Deckel. Sehr praktisch und auch zum Servieren geeignet. Ein Holzschemel, gefertigt in der JVA Stadelheim und dort erworben, hilft kleinen Leute wie mir Regale ganz oben zu erreichen. Der selbst getöpferte Blumenständer hält den schwersten Kübel aus und präsentiert jede Pflanze eindrucksvoll. Gut: Es ist nicht alles Kunst, was man so hat. Es muss aber auch nicht weg. Bei mir bleibt, was ich wirklich brauche, was mich bereichert und dadurch zufrieden macht.

Detox gehört für viele Zeitgenossen zu ihrem Lebensmotto. Es wird entgiftet, was das Zeug hält, um den Körper zu reinigen und neu zu kräftigen. Ich selber widme mich mit Vorliebe meinem räumlichen Umfeld und „miste aus“. Was belastet und beschwert, wird nicht einfach weggeworfen - es kann woanders hin. Zu Menschen, die genau das brauchen und sich darüber freuen. Weil Detox-Kuren anstrengend sind, versuche ich sie zu minimieren. Das klappt. Dann, wenn man vor jedem Kauf überlegt, ob er die Besitztümer bloß vermehrt oder einen echten, ideellen Wertzuwachs bedeutet. Wie meine Stofftiere zum Beispiel...

*Susanne Breit-Keßler war evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern, künftig übernimmt sie den Vorsitz des neuen bayerischen Ethik-Rates.

Quelle: Merkur.de