Revolution am Ablaufberg in Allach

Die Kuppler von der DB Cargo - Münchner Güterbahnhof wird digital

Standesgemäßes Outfit: DB-Cargo-Chefin Sigrid Nikutta und Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer in München-Allach.
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Standesgemäßes Outfit: DB-Cargo-Chefin Sigrid Nikutta und Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer in München-Allach.

München – Güterwaggons zu rangieren, ist harte Arbeit. In Zukunft soll digital verkuppelt werden, verspricht der Bundesverkehrsminister bei einem Termin in München-Allach.

Die Diesel-Rangierlokjahr dröhnt heran, die Tür zum Führerstand öffnet sich, heraus klettern ein Minister und eine DB-Vorstandschefin, beide im orange-farbenen Bahndress: Andreas Scheuer haut sich erst mal den Kopf an, aber zum Glück hat er ja einen Helm. Frohgelaunt stellt er sich für die Fotografen neben die Chefin für den DB-Güterverkehr, Sigrid Nikutta. Und erklärt anschließend, warum in München-Allach, wo schwere Güterwagen über das Gelände rumpeln, „der Rangierbahnhof der Zukunft“ entstehen wird.

Es ist eine digitale Zukunft, was auch sonst. Die Bahn, verspricht Sigrid Nikutta, werde die Abfertigung der Güterzüge „auf ein neues Level heben“. Nikutta ist seit Januar 2020 Cargo-Chefin. Sie kam von den Berliner Verkehrsbetrieben, gilt als ehrgeizig und durchsetzungsstark. Ihr wird zugetraut, DB Cargo aus dem Jammertal herauszuholen – denn in den vergangenen zehn Jahren hat das Unternehmen die Hälfte seines jährlichen Transportvolumens eingebüßt, meist zugunsten des Lkw. Deshalb sollen die neun großen deutschen Rangierbahnhöfe in Deutschland modernisiert werden. Allach ist einer davon.

Der Güterbahnhof ist in die Jahre gekommen

30 Jahre alt ist der Rangierbahnhof jetzt. Sein Herzstück ist der sogenannte Ablaufberg: Rangierloks schieben Güterwaggons eine kleine Anhöhe hinauf, dann poltern die Waggons einzeln oder auch in kleinen Gruppen hinab und werden mittels Weichen zu neuen Zügen zusammengesetzt. Das ist Handarbeit. Rangierer kuppeln ab und kuppeln an, Logistiker führen Listen, um jeden Waggon zu seinem Zug zu lotsen. Die Bahn bietet – im Gegensatz zu ihren privaten Konkurrenten – diesen wenig lukrativen Einzelwagenverkehr ungeachtet aller finanziellen Verluste an. Und ist darauf auch stolz: Ein Spediteur in Passau könne so auch mal zwei Waggons mit Zement nach Hamburg transportieren. Das Problem: Bisher ist die Nachfrage nur so mittelprächtig. 2500 Waggons täglich könnten in Allach zu neuen Zügen arrangiert werden; tatsächlich sind es aber nur 1000. „Wir haben noch Kapazität“, heißt es bei der Bahn. Der Einzelwagenverkehr, der in früheren Jahren kurz vor dem Aus stand, soll aber jetzt ausgebaut werden. Heute dauert die Zusammensetzung eines Güterzugs („Bahn-Tetris“ nennen es Insider) bis zu fünf Stunden. Um 40 Prozent schneller soll es werden.

Alle europäischen Güterwaggons digital umzurüsten, kostet bis zu acht Milliarden

Die Bahn nutzt die Rufe nach einer effektiven Klimapolitik und baut auf staatliche Zuschüsse: 14 Millionen Euro bekommt sie allein für die Digitalisierung von Allach., 12 Millionen steuert sie selbst bei. In Zukunft soll eine vollautomatische Abdrücklok die Waggons auf den Ablaufberg schieben, eine „intelligente Kamerabrücke“ scannt den Waggon und erfasst Schäden, etwa wenn der Bremsschlauch kaputt ist. Auch die obligatorische Bremsprobe soll mit Sensoren geschehen. Ein Lieblingsprojekt der Bahn ist die digitale automatische Kupplung, DAK genannt, wodurch die Waggons automatisch zu neuen Zügen verbunden und der Rangierarbeiter beim Ankuppeln überflüssig wird. Tatsächlich könnte die Zahl der Berufstätigen in Allach von 200 auf 100 sinken – aber nur durch natürliche Fluktuation, wie die Bahn verspricht. Ohnehin liegt die DAK noch in weiter Ferne. Bis der von Scheuer versprochene „einheitlichen europäischen Standard“ bei allen 500 000 Güterwaggons in Europa Realität werde, sei es „Minimum 2028 oder 2029“, sagt der Technikchef von DB-Cargo, Günter Kloß.

Am Rande des Pressetermins ist nicht nur wegen der Kosten für die DAK in Höhe von bis zu 8,6 Milliarden Euro aber auch Skepsis zu hören. „Das funktioniert nie“, sagt ein vorbeikommender Rangierer. Er könne es riechen, wenn eine Bremse heiß gelaufen sei. Das schaffe keine Technik.