Das Wellcome-Projekt

Engel für Familien in Not

Spielzeit: Sandra Lorenz sitzt mit den Kindern auf dem Boden. Damit entlastet sie auch die Eltern der beiden.
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Spielzeit: Sandra Lorenz sitzt mit den Kindern auf dem Boden. Damit entlastet sie auch die Eltern der beiden.

Für junge Familien, die nach der Geburt eines Kindes im Alltag überfordert sind, gibt es in Bayern Helfer: die Wellcome-Engel. Sie unterstützen, wenn keine Großeltern oder anderen Helfer in der Nähe sind. Einer dieser Engel ist Sandra Lorenz aus Oberding. Sie weiß aus eigener Erfahrung, wie wertvoll diese Hilfe ist.

  • Viele Eltern wissen nach der Geburt des Kindes oft nicht weiter
  • Der Alltag ist stressig und Zeit für sich selbst bleibt meist auch nicht
  • Doch dafür gibt es Hilfe: Die Wellcome-Engel gibt es fast in ganz Bayern

Oberding – Als Sandra Lorenz’ Kinder klein waren, hätte sie sich oft Unterstützung gewünscht. „Mein Mann war im Auslandseinsatz, die restliche Familie wohnt nicht hier“, erzählt sie. Der Alltag war damals hart für sie. Inzwischen sind ihre Kinder größer – doch sie hat die Zeit damals nicht vergessen. Deshalb möchte Lorenz anderen Familien helfen. Vor einem Jahr meldete sie sich bei den Wellcome-Engeln in Erding an.

Für alle da sein ist die Hauptaufgabe des Wellcome-Engels

Lorenz ist einer Familie fest zugeteilt, die Kinder sind noch klein, eines ist ein Baby. Einmal pro Woche – meistes am Wochenende – fährt sie zu der Familie und packt mit an. Sie kümmert sich nicht um den Haushalt, sondern um die Kinder und die Eltern. Spazieren gehen, im Garten schaukeln oder mit den Kindern auf dem Fußboden sitzen und mit Legosteinen und Memory spielen oder ein Buch vorlesen – das sind ihre Aufgaben. „Ich führe auch Gespräche mit der Mutter. Ich versuche ihr zu helfen, indem ich einfach zuhöre“, erklärt die 41-Jährige. Für alle da sein – das ist Lorenz’ Hauptaufgabe.

Als sie anfing, zweifelte sie kurz, ob es die richtige Entscheidung war: „Das größere Kind war damals drei Jahre alt und sehr ablehnend mir gegenüber. Es wollte nicht, dass ich noch einmal komme.“ Die Mutter sagte dann zu dem Kind: „Die Sandra kommt nur wegen mir zu uns.“ Bei den weiteren Treffen freundete sich das Kind aber immer mehr mit Lorenz an. „Wir haben gemeinsam gespielt und geredet.“ Es dauerte nicht lang und das Kind fasste Vertrauen und sagte: „Du bist mein Engel ohne Flügel.“ „Diesen Satz werde ich nie vergessen, das war wirklich schön und hat mir gezeigt, ich mache das gut und richtig“, erzählt Lorenz.

Das Wichtigste ist Vertrauen

Es kann vorkommen, dass es zwischen den Ehrenamtlichen und den Familien nicht harmoniert. „Ich schaue immer vorher, welcher Engel passen könnte“, erzählt Barbara Grüneberg, Wellcome-Koordinatorin im Erdinger Landratsamt. Dabei spielen auch der Anfahrtsweg und die Betreuungszeiten eine große Rolle. Grüneberg hat bisher aber nicht erlebt, dass es zwischen der Familie und der Helferin gar nicht gepasst hat. „Sollte das einmal der Fall sein, kann man nach einem anderen Engel oder einer anderen Familie suchen.“ Sie rät allen Beteiligten dazu, sich erst mal kennenzulernen und dann zu entscheiden, wie es weitergeht.

Bundesweit gibt es über 4000 ehrenamtliche Helfer und auch in Bayern ist es weit verbreitet. Das Wichtigste beim Wellcome-Projekt ist Vertrauen. Vor allem in der Pandemie. „Die Familien und Helferinnen schauen individuell, was möglich ist.“ Sandra Lorenz und ihre Familie halten so gut es geht den Mindestabstand ein und verbringen viel Zeit draußen.

Lorenz hilft gerne - doch ihre eigene Familie steht immer an erster Stelle

Doch die nötigen Maßnahmen nimmt Lorenz gerne in Kauf – weil sie sich mit ihrem Engagement auch einen eigenen Wunsch erfüllen kann: „Ich wollte früher Erzieherin werden, aber meine Eltern waren dagegen.“ Ihre eigenen Kinder finden es „völlig in Ordnung“, dass sie noch eine andere Familie betreut und dort mit den Kindern spielt. Sie haben sich sogar gefreut, dass ihre Mama helfen kann. „Sie wissen, dass sie immer an erster Stelle stehen und ich mich erst um sie kümmere und dann um die andere Familie.“

Lorenz’ Tätigkeit bei der Familie wird in wenigen Tagen vorbei sein. „Dann mache ich einen Monat Pause.“ Die Zeit wird sie für ihre eigene Familie nutzen. „Und ab Dezember werde ich wahrscheinlich wieder in eine Familie vermittelt, um dort zu helfen.“ Doch der Kontakt zu ihrer jetzigen Familie wird nicht abrupt enden. „Ich bin gerne hingegangen und es hat zwischenmenschlich gut gepasst.“ Per WhatsApp werden sie in Kontakt bleiben. Alle wussten von Beginn an, dass die Unterstützung auf ein Jahr beschränkt ist. Lorenz ist eine Helferin auf Zeit – sie hilft genau dann, wenn sie am dringendsten gebraucht wird.