Ex-Minister spielt Todesengel

Ex-Justizsenator Roger Kusch auf seiner Pressekonferenz. Er hat als erster in Deutschland offiziell Sterbehilfe geleistet.
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Ex-Justizsenator Roger Kusch auf seiner Pressekonferenz. Er hat als erster in Deutschland offiziell Sterbehilfe geleistet.

Hamburg/Würzburg - Er hat ein Menschenleben auf dem Gewissen. Doch der Todesengel zeigt keine Reue. „Ich habe Worten auch Taten folgen lassen“, sagt Hamburgs Ex-Justizsenator Roger Kusch (53) mit kühlem Blick.

Die Rentnerin Bettina Sch. (79) aus Würzburg wollte sterben. Und Kusch hat ihr freimütig beim Selbstmord geholfen – und eine Welle der Empörung ausgelöst. Jetzt ermittelt der Staatsanwalt.

Obwohl aktive Sterbehilfe verboten ist, unterstützte Kusch die Würzburgerin am Samstag, den tödlichen Cocktail aus einem Beruhigungsmittel und einem Malaria-Medikament zu schlucken. Für Kusch ein menschlicher Akt: „Es ist eines freien, modernen aufgeklärten Landes unwürdig, seine besonders hilfsbedürftigen, bemitleidenswerten Menschen am Ende ihres Lebens zum Sterben nach Zürich zu schicken“, spielte er auf den Schweizer Verein Dignitas an, der legal beim Sterben helfen darf.

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Sie wollte lieber sterben als im Pflegeheim leben

Doch die 79-jährige ehemalige Röntgenassistentin war nicht schwer krank: „Ich kann nicht sagen, dass ich leide“, sagte Bettina Sch. in einem Video. Sie habe jedoch Angst vor dem Pflegeheim gehabt (siehe S. 3). Mit dem Film will Kusch beweisen, dass er die Frau nicht umgebracht habe, sondern dass der Tod ihre eigene Entscheidung gewesen war.

Die Deutsche Hospiz Stiftung zeigte sich entsetzt: „Laut unserer Verfassung gibt es ein Recht auf Leben und es gibt ein Recht auf Sterben. Es gibt aber kein Recht auf Töten“, erklärte Vorstand Eugen Brysch. Kusch sei ein „politischer Amokläufer“, der „aus tiefstem Narzissmus die Angst der Menschen vor Pflege missbraucht, nur um öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zu lenken“. Ein Verbot einer kommerzialisierten Sterbehilfe, das am Freitag Thema im Bundesrat ist, sei dringend notwendig (siehe Interview).

Kusch, der vor drei Monaten bereits mit einer selbst gebastelten Tötungsmaschine für Aufsehen sorgte, weist den Tötungs-Vorwurf jedoch zurück. Die Frau habe die Medikamente selbst beschafft, angerührt und getrunken. Er habe lediglich in ihrem Schlafzimmer eine Videokamera installiert und während des tödlichen Akts die Wohnung verlassen. Nach drei Stunden sei Kusch zurückgekehrt. Das belastendste sei für ihn gewesen, aus Gründen der Straflosigkeit der Dame beim Selbstmord nicht zusehen zu dürfen.

Das ist die Rechtslage

Die Rechtslage zum Thema Sterbehilfe in Deutschland ist höchst kompliziert. Die tz erklärt die wichtigsten Regelungen:

Aktive Sterbehilfe: Die „Tötung auf Verlangen“, etwa durch Gift, ist verboten. Sie wird mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft.

Indirekte aktive Sterbehilfe: Damit ist etwa der Einsatz von Medikamenten, deren Nebenwirkungen die Lebensdauer herabsetzen können, gemeint. Die aktive Lebensverkürzung wird dabei als ungewollte, aber unvermeidbare Nebenwirkung billigend in Kauf genommen und bleibt straffrei.

Passive Sterbelhilfe: Sie gilt unter Juristen als „Zulassen des natürlichen Sterbens“. Hierbei wird auf lebensverlängernde Maßnahmen wie Beatmung oder künstliche Ernährung verzichtet. Dabei ist es für die behandelnde Ärzte wichtig, den Willen der Patienten zu kennen – etwa durch eine klar formulierte Patientenverfügung.

Beihilfe zum Selbstmord: Das grundgesetzlich garantierte Selbstbestimmungsrecht gibt jedem das Recht, aber nicht die Pflicht zu leben. Darum ist der Selbstmord in Deutschland straffrei, genauso wie die Beihilfe zur Selbsttötung. Ärzte dürfen einen Selbstmord aber unter keinen Umständen unterstützen, das verbietet ihnen das Standesrecht.

Tatort-Star wehrt sich gegen Kusch

Die als Tatort-Kommissarin Lena Odenthal bekannte Schauspielerin Ulrike Folkerts hat gegen Hamburgs Ex-Justizsenator Roger Kusch rechtliche Schritte angekündigt. Der Grund: Kusch wirbt auf seiner Website mit ihrem Foto. Folkerts jedoch hatte davon erst durch die tz erfahren. „Sie wusste nichts davon und wird juristisch dagegen vorgehen“, erklärte dazu gestern Folkerts’ Management. Die Schauspielerin hatte 2007 einen krebskranken Freund beim Sterben begleitet und gesagt: „Es gab schon Momente, wo ich mir gewünscht habe, den Leidenden erlösen zu können.“ Das hatte Kusch zum Anlass genommen, die Prominente auf die Startseite seines Internet-Auftritts zu nehmen.

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Quelle: tz