“Sowas noch nicht erlebt“

Fahrgast prangert Info-Politik der BOB scharf an - ein Protokoll

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Fühlen sich von der BOB nicht gut informiert: Fahrgäste.

Ein voller Zug wartet über 30 Minuten auf die Weiterfahrt. Inzwischen fährt die nächste BOB vorbei - ohne die Wartenden und ohne Informationen. Warum redet die BOB nicht mit Fahrgästen?

Holzkirchen - Die Stimmung unter den Fahrgästen der Bayerischen Oberlandbahn wird gereizter. Das spürt man. Wenn man selbst in den Pendler-Zügen sitzt, aber auch, wenn man in den einschlägigen Gruppen auf Facebook unterwegs ist. Der letzte Schritt ist dann immer die Mail an unsere Zeitung. Alle sprechen dieselbe Sprache: Die Fahrgäste haben langsam die Schnauze gestrichen voll.  Gar nicht mal, wegen der fast täglichen technischen Probleme.

Nein, es ist diese stumme Desinformation, die viele Fahrgäste anprangern. Die BOB lässt sie in stehenden Zügen sitzen und spricht nicht mit ihnen. Und das trifft. Immer wieder. Einen solchen Fall schildert Andreas Lindner aus Schliersee. Er pendelt seit 22 Jahren zwischen München und dem Oberland. „Aber das habe ich noch nie erlebt“, sagt er unserer Zeitung. Wegen eines Baumes auf der Strecke wartete die BOB in Holzkirchen über eine halbe Stunde. Den Fahrgästen war unklar, wann sie denn weiterfahren würde. Irgendwann kam der nächste planmäßige Zug - und fuhr pünktlich weiter. Ohne die Fahrgäste des ersten Zuges, und das obwohl mehrere Passagiere nachfragten.

Schließlich erfuhr Lindner, dass die Streckensperrung längst aufgehoben war - aber nicht von der BOB, sondern von einem Mitfahrer der anderen, pünktlichen, halbleeren BOB über die App „Wir pendeln“. Das ist kein Service der Oberlandbahn, sondern eine Art digitale Selbsthilfegruppe von Fahrgästen. Aber die funktioniert halt wenigstens. „Deshalb bringt mir die neue BOB-App auch wenig“, sagt Lindner, „weil mich die BOB darüber genauso wenig informiert.“ 

Lesen Sie hier das Protokoll von Andreas Lindner im Original:

„Heute habe ich etwas erlebt, was ich in meiner 22-jährigen Pendlergeschichte von Schliersee nach München noch nie erlebt habe. Aus meiner Sicht ist das wirklich der Tropfen, der das Fass zum überlaufen gebracht hat. Es zeigt überdeutlich, dass die BOB trotz mehrmaliger Ermahnung Seitens der BEG (Bayerische Eisenbahgesellschaft) ihre Krisenprozesse und Krisenkommunikation in keinerlei Weise unter Kontrolle hat. 

Hier kann sich die BOB nicht auf Einzelversagen oder Verstrickung unglücklicher Umstände herausreden. Folgendes ist vorgefallen: 

Am Mittwoch bin ich an der Münchner Haltestelle Siemenswerke in die BOB 86829, Abfahrt 16:15 Uhr, eingestiegen. Der Zug war bis Holzkirchen pünktlich. Danach kam eine Durchsage, dass sich die Weiterfahrt verzögert, da ein umgestürzter Baum die Strecke zwischen Holzkirchen und Miesbach blockiert. Das kann immer mal passieren und ist halt unschön, aber was dann kam, war einfach einer Unverschämtheit. 

Nach etwa einer halben Stunde kam die Durchsage das die BOB 86829 wegen zu großer Verspätung abgebrochen wird. Währenddessen ist der Nachfolgezug aus München BOB 87005 angekommen. Mehrere Passagiere haben sowohl den Lokführer als auch den Schaffner gefragt, ob die BOB 87005 weiterfährt und ob die Streckensperrung aufgehoben worden ist. 

Auskunft: Sie wissen es nicht. Es wurde auch kein Versuch ihrerseits unternommen dies in Erfahrung zu bringen. Auch gab es keinerlei Durchsagen bezüglich der BOB 87005. Dann mussten wir mit ansehen wie BOB 87005 einfach weiterfährt - ohne irgendeine Durchsage, dass wir diesen Zug hätten nehmen könnten. 

Keinerlei Kommunikation seitens BOB geschweige denn irgendeine Koordination, dass die Passagiere aus der BOB 86829 in die BOB 87005 einsteigen sollten. Erst durch die App "Wir pendeln" habe ich per Chat von einem Mitfahrer aus der BOB 87005 erfahren, dass die Streckensperrung aufgehoben worden ist und sie pünktlich in Holzkirchen laut Fahrplan abgefahren sind und sich noch gewundert haben, dass von uns keiner eingestiegen ist. 

Stattdessen haben wir auf die BOB 86831 gewartet, die wiederum 20 Minuten Verspätung hatte, so dass ich an meinen Zielbahnhof Schliersee erst um 18:25 Uhr angekommen bin. Das bedeutet eine Verspätung von 1:29 Uhr. Hätte uns die BOB rechtzeitig informiert, dass die Streckensperrung aufgehoben ist und die BOB 87005 pünktlich fährt, wäre ich um 17:22 Uhr angekommen und zwar nur mit einer Verspätung von 26 Minuten. 

Die ganzen Leute hätten leicht in der BOB 87005 platzt gehabt, da diese nicht einmal zur Hälfte besetzt war. Es ist mir völlig unverständlich wie das Krisenmanagement bei der BOB derart versagen kann und das nun schon über eine große Zeitspanne mit mehreren Ermahnungen der BEG.“

Das ist nicht der erste Fall

Neulich ist auch eine BOB anfahrend und immer wieder scharf bremsend aus dem Münchner Hauptbahnhof gefahren - um dann an der Haltestelle Hackerbrücke vollends zum Stehen zu kommen. Nur die Türen blieben zu - zum Ärger der Fahrgäste. Wenn Bernd Rosenbusch auf tegernseerstimme.de später erklärt, dass die Hackerbrücke kein BOB-Halt und ein Ausstieg dort aus Sicherheitsgründen nicht möglich ist, dann klingt das logisch. Nur warum wird das nicht gleich via Lautsprecher kommuniziert?

Selbsthilfe-Gruppen im Netz - die einzige Möglichkeit

Die Fahrgast-App „Wir pendeln“ ist nicht die einzige Selbsthilfe-Community ihrer Art. Auch auf Facebook organisieren sich die Pendler in Gruppen, teilen dort ihr Leid und ihre Informationen. Und es werden täglich mehr. Offenbar, weil es die BOB selbst nicht auf die Reihe bringt.

Das sagt der BOB-Chef

BOB-Chef Bernd Rosenbusch sprach erst jüngst vor dem Kreistag in Miesbach. Er zählte die Probleme auf, stelle einen Katalog von 220 Einzelmaßnahmen vor, mit denen die Oberlandbahn ihre 20 Jahre alten Integrale über die Zeit retten will. Das klang ehrlich, überzeugend. Aber offenbar sind die Probleme so gravierend, dass es für die Fahrgast- und Mitarbeiterkommunikation nicht mehr reicht.

BOB-Chef Bernd Rosenbusch.

Das wird auch bei der Antwort auf die Anfrage unserer Zeitung deutlich, auf die Rosenbusch sofort und ohne Umschweife reagiert: „Es war einfach zuviel auf einmal“, sagt Rosenbusch. „Das Personal hat einfach nicht mehr auf den anderen Zug geachtet.“ Und es war wirklich viel an dem Tag: Bereits um 16.35 Uhr kollidierte ein Zug zwischen Obergries und Gaißach mit einem Baum - die Frontscheibe war gesprungen. 

Der Wagen musste in Schaftlach ausgetauscht werden. Die Strecke musste gesperrt werden. Die Verspätungen gingen los. Unglückliche Zufälle - die das eng getaktete, oft einspurige BOB-Netz kaum mehr aufholen kann. Dann kamen weitere Störungen bis in den Abend dazu. Dann wurde das Gleis nochmal wegen Ästen auf dem Gleis gesperrt. So kam es zu dem Stau in Holzkirchen. Für all das kann die Oberlandbahn wenig. Mit ihren Fahrgästen reden kann sie schon. 

„Leider wurden die Fahrgäste auf Gleis 1 nicht richtig informiert“, gesteht Rosenbusch ein. „Das ist wirklich ärgerlich.“ Man habe das Thema nochmal aufgearbeitet, Rosenbuschs Kollege sei auch gleich auf den Bahnsteig gegangen. Zugleich verweist Rosenbusch auf den Verspätungsservice der BOB inklusive Fahrpreis-Erstattungen. „Mit diesem Kundenservice sind wir der Konkurrenz zum Beispiel weit voraus.“ Der BOB-Chef werde weiter an besseren Service und einer störungsfreien BOB arbeiten, denn: „Bahnfahren bleibt was Sinnvolles.“

kmm

Quelle: tz