Kein Wasser im Forggensee

Der See ohne See

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Wo sonst Bayerns fünftgrößter See liegt, herrscht Ebbe: Der Forggensee ist auch dieses Jahr trockengelegt worden. Doch er wird vorerst nicht wieder gefüllt.

Der Forggensee im Allgäu, am Fuß von Neuschwanstein, gleicht einer Mondlandschaft. Wegen Arbeiten am Damm kann er dieses Jahr nicht aufgestaut werden. Für den Tourismus in der Region eine Katastrophe, doch manche Urlauber lassen sich auch vom fehlenden Wasser nicht schrecken.

Füssen/Roßhaupten – Fünf Meter ragt die MS Füssen, der Stolz der Forggenseeschifffahrt, aus dem Trockendock am südwestlichen Ufer des Forggensees bei Füssen empor. „Guck emol, da schläft a Schiff ohne Wasser“, ruft ein vorbeifahrender Radfahrer seiner Frau zu. An eine Kreuzfahrt über den fünftgrößten See Bayerns ist gerade nicht zu denken. In Füssen und Schwangau am Südufer ist das Seebett, abgesehen von ein paar Regenpfützen und dem Lauf des Lech, staubtrocken.

Der Schifffahrt entgeht eine Million Euro

Die MS Füssen ist ein Mahnmal im Trockendock – und steht sinnbildlich für die Krise, die der Tourismus rund um den Forggensee, dem größten Stausee Deutschlands, gerade durchmacht: Die Campingplätze bleiben leer, Bootsverleihe haben keine Kunden und Urlauber, die sich im Vorfeld nicht informiert haben, sind verärgert, dass es kein Wasser gibt. „Bei der Forggensee-Schifffahrt fehlt uns ein Umsatz von einer Million Euro, wenn wir die ganze Saison nicht fahren können“, sagt Helmut Schauer, Werkleiter der Stadtwerke Füssen und Verantwortlicher der städtischen Seefahrt.

Kein Schiff wird kommen. Der Forggensee-Schifffahrt fehlt heuer ein Umsatz von einer Million Euro.

Auch das Musical „Der Schwanenprinz“ fällt sprichwörtlich ins Wasser – oder besser gesagt: Die Darsteller sitzen auf dem Trockenen. Der Schwanenprinz war als Musical-Abenteuer-Reise auf dem See geplant. Ohne Wasser keine Schifffahrt, und ohne Schiff kein Schwanenprinz, so einfach ist die Rechnung.

Risse im Damm

Ein leerer Forggensee ist keine Seltenheit, für die Anrainer ein gewohnter Anblick. Jedes Jahr im Herbst wird sozusagen der Stöpsel gezogen. Nach und nach lässt Uniper, der Betreiber des Staudamms im Norden bei Roßhaupten, das Wasser ab. Zur Energiegewinnung. Über den Lech fließt das Wasser von Füssen über Augsburg bis nach Rain, wo der Fluss in die Donau mündet. Im Frühjahr fängt der Damm dann das Schmelzwasser, das der Lech aus den Alpen mitbringt, auf, der See staut sich und erreicht spätestens zum 1. Juni seinen Höchststand. Dann beginnt die Tourismussaison. So war es zumindest in den vergangenen 64 Jahren.

Doch dieses Jahr ist alles anders. Uniper hat im Januar Risse im Damm festgestellt, die repariert werden müssen. 20 Millionen Euro investiert das Unternehmen in die Maßnahme. Bis die Sicherheit des Damms gewährleistet ist, ist kein Aufstau möglich. Und der verzögert sich immer weiter, Anfang Juni gab ein Expertengremium kein grünes Licht, da weitere Risse entdeckt wurden. Die Anrainer sind verärgert, selbst die Aussicht auf eine verkürzte Saison schwindet.

Gut gefüllt und voller Boote: So sieht der Forggensee normalerweise im Sommer aus.

„Die Hoffnungen für den Sommer habe ich aufgegeben“, sagt Uwe Simniok, 56, der seit 2001 Kanu- und Drachenboottouren über den Forggen-, Plan- und Weißensee anbietet. „Mindestens 50 Prozent“ seines Umsatzes bleibe in diesem Jahr aus, wenn der Forggensee kein Wasser hat. Er befürchtet, auf seine Rücklagen zugreifen zu müssen. Von einem Teilaufstau des Sees, den er für August prophezeit, hält er nichts. „Der bringt uns gar nichts, der See ist hier nur zwischen drei und fünf Metern tief. Das Wasser kommt dann gar nicht bis hierher.“

„Mache den ganzen Tag Stornos“

Dieser Meinung ist auch Helmut Schauer von der Stadt. „Wenn der See nicht voll aufgestaut wird, können wir höchstens Wattwanderungen anbieten. Wir brauchen einen Vollaufstau.“ Doch selbst, wenn sie heute mit dem Stauen beginnen würden, dauere es noch immer rund eineinhalb Monate, bis der See den benötigten Wasserstand erreiche. Außerdem müsste es wegen des fehlenden Schmelzwassers aus den Bergen auch viel regnen. „Das hilft dem Tourismus auch nicht“, sagt Schauer.

Steg ins Nirgendwo: Dieses Jahr ist am See alles anders – sonst erreicht er spätestens am 1. Juni seinen Höchststand.

Allzu viele Touristen finden sich derzeit rund um den See nicht. Statt dem sich im türkisenen Wasser spiegelnden Allgäu zu Füßen von Schloss Neuschwanstein gibt es vorrangig eine Mischung aus Mondlandschaft und Wüste zu sehen. Das schreckt ab. „Ich sitze den ganzen Tag hier und mache Stornos“, sagt eine Mitarbeiterin eines Campingsplatzes am südöstlichen Ufer. Ein ähnliches Bild auch am Westufer: Auf einem Campingplatz stehen die meisten Dauercamper leer, nur vereinzelt sitzen Urlauber in ihren Sonnenstühlen.

Mit dem Rad durch den leeren See

Rainer und Brigitte Feßer gehören zu den hartgesottenen Urlaubern, die sich nicht abschrecken lassen. Für sie hat der nahezu ausgetrocknete See sogar Vorteile. „Wir sind das vierte Jahr in Folge hier. Ein Dauercamper kommt dieses Jahr nicht, jetzt haben wir seinen Platz bekommen“, sagt Rainer Feßer, 65. Zwar sei es „schon schad’“, dass der See kein Wasser hat, aber so ein leerer See sei auch was Besonderes. „Die alte Römerstraße, die Via Claudia Augusta, mitten im See ist sehr interessant“, sagt Brigitte Feßer, 60. Und die sieht man eben nur, wenn man durch den trockenen See laufen kann.

Eine Wanderung durch den See unternehmen auch Tiu Deyoud, 26, und Chantal Elser, 25, aus Memmingen. Eigentlich hatten sie eine Radtour um den See geplant und wollten „vielleicht auch mal reinspringen“, doch es sei „auch mal ganz witzig, so was zu sehen“. Sie machen das Beste aus den Gegebenheiten, wandern zum sonst unterseeischen Lauf des Lech, bevor sie sich aufs Rad schwingen und die geplante Tour um den See starten.

„Ich wusste, dass der See leer ist.“ Angelina Horner aus Schwabbruck macht eine Radltour, wo sonst Wasser ist.

Einige Radfahrer, vor allem Mountainbiker, verschlägt es auch ins Seebett. „Ich wusste, dass der See leer ist“, sagt Angelina Horner, 52, aus Schwabbruck im Kreis Weilheim-Schongau. Mit ihrem E-Bike hat sie sich auf den Weg gemacht und ist am Ufer des Forggensees gelandet. „Ich kenne das Bild aus dem Winter, aber im Sommer hat man einen ganz anderen Blick.“

Es ist unklar, wann und ob aufgestaut wird

Auch wenn es Helmut Schauer von der Stadt und „Kanu Kini“-Betreiber Uwe Simniok gut finden, dass sich immerhin einige wenige Urlauber für den leeren Forggensee interessieren, sind sie unzufrieden mit der Situation. Ihnen hilft nur Wasser. Nur ob und wann das kommt, ist völlig offen. Ende Juni erwartet Schauer die nächste Entscheidung von Uniper, ob zumindest ein Teilaufstau möglich und damit immerhin der nördliche Bereich des Sees tief genug für Unternehmungen ist. Ein Uniper-Sprecher sagte unserer Zeitung dagegen, dass es wohl erst gegen Ende Juli Neuigkeiten gibt.

Bis dahin bleibt der See aber das, was er gerade ist: eine Mondlandschaft mitten im Allgäu.

Quelle: Merkur.de