Zur Legalisierung von Online-Glücksspielen

Gamen gegen Geld - Gastkolumne der ehemaligen Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler*

Susanne Breit-Keßler, ehemalige evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern.

Ab nächstem Jahr können die Deutschen ihr Geld auch im Internet verjubeln. Online-Glücksspiele werden überall in unserem Land legal. Die Bundesländer haben sich auf einen „Glücksspielneuregulierungsstaatsvertrag“ verständigt.

„Glücksspielneuregulierungsstaatsvertrag“. Gräßliches Wort, Inhalt denkwürdig. Bislang hat nur Schleswig-Holstein Poker, Casinos und Automatenspiele online zugelassen. Die anderen wollen nun auch mitmachen - aber nicht ohne Aufsicht. Denn es braucht Regeln, weil immer mehr unkontrollierte Glücksspiele im Netz auftauchen.

Wer ein Spielekonto hat, darf maximal 1000 Euro pro Monat aufs Spiel setzen. Zocker, die sich klugerweise haben selbst sperren lassen oder gesperrt wurden, werden in einer Datei erfasst. Man will ein "automatisiertes System" zur Früherkennung von suchtgefährdeten Spielern einrichten. Anbieter müssen Daten zu Kontrollzwecken abrufbar halten. Werben dürfen sie nur begrenzt. Eine zentrale Glücksspielbehörde wird überwachen, ob alles korrekt läuft. Gamen gegen Geld - ein ganz normaler Wirtschaftsvorgang.

Aus der schleswig-holsteinischen Staatskanzlei war zu vernehmen, dass nun die "Grundlage für ein ausreichend attraktives Onlineglücksspiel-Angebot“ geschaffen sei. Glückwunsch! Suchtberater finden die Legalisierung erstmal gut, weil so Maßnahmen zum Verbraucherschutz ergriffen werden können. Aber wer wird verhindern, dass Spielsüchtige mehrere Konten bei verschiedenen Anbietern laufen haben? Wer süchtig ist, ist kreativ. Und wer das nicht weiß, naiv.

Die wahre Aufgabe ist nicht, Süchte zu bedienen

Ein stets verfügbares Angebot wird die Zahl der Nutzer vermehren - und derer, die der Sucht verfallen könnten. Aber wir sprechen hierzulande ja gerne von Eigenverantwortung. Haus und Hof zu verspielen muss in das Belieben jedes Einzelnen gestellt sein. Laut dem aktuellen „Jahrbuch Sucht“ sind 180.000 Menschen in Deutschland pathologisch spielsüchtig. 326.000 haben ein „problematisches Spielverhalten“. Die wahre Aufgabe ist nicht, Süchte zu bedienen, sondern Fragen zu stellen und Antworten zu finden.

Was treibt Menschen zum Zocken? Der Traum vom großen Geld? Die Sehnsucht, mal kein Loser zu sein, sondern auf der Gewinner-Seite des Lebens zu stehen? Spielen, um ein bisschen Glück zu erhaschen inmitten der vermeintlichen Langeweile des eigenen Lebens? Die Euphorie, endlich neue, interessante Menschen beim Spielen kennenzulernen? Aus den kommenden Steuermehreinnahmen ließe sich Prävention fördern und zusätzliche Stellen für Suchtberater schaffen. Dieser Einsatz lohnt sich wenigstens.

*Susanne Breit-Keßler war evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern, künftig übernimmt sie den Vorsitz des neuen bayerischen Ethik-Rates. Sie schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne im Bayernteil.

Sie erreichen die Autorin per mail unter: bayern@merkur.de

Quelle: Merkur.de