Zum Beginn der Fastenzeit

Wir brauchen Zuversicht! - Gastkolumne der ehemaligen Regionalbischöfin Susanne Breit-Kessler*

Susanne Breit-Kessler, ehemalige evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern.

Die Evangelische Kirche ruft zum Fasten auf: 7 Wochen ohne. Ohne Suchtmittel, die einem Menschen schaden. Ohne Verhaltensweisen, die einem das Leben schwer machen. Das diesjährige Motto lautet: „Zuversicht! 7 Wochen ohne Pessimismus“. Passt das zu den Zeiten, die wir erleben?

Passt das zu den Katastrophen, die wir im Privaten durchzustehen haben, zu den Morden in Hanau, die so vielen Menschen das Leben gekostet und ihre Liebsten ins Unglück gestürzt haben?

Zuerst einmal könnte man verzweifeln. Billiger Trost nützt nichts. Brüllender Schmerz, unsagbare Trauer müssen ausgehalten werden. Das dauert lange. Das Leben für die, die unmittelbar betroffen sind, wird nie mehr das gleiche sein wie zuvor. Zuversicht? Die Hinterbliebenen können nur weiterleben, wenn sie Empathie spüren, wenn Menschen ihre Wut und ihren Schmerz mittragen. Nur so kann vielleicht irgendwann neue Zuversicht entstehen.

Die Gesellschaft selbst braucht Klarheit: Über die Ursachen der Gräueltaten, die wir erleben. Und sie braucht Wahrheit. Nämlich die permanente Entlarvung der Brandstifter, die mit Hass und Hetze inflammieren. Sie zündeln mit populistischen Parolen gegen alles, was anders ist, gegen alle, die in ihren Augen nicht dazugehören. Sie brauen das explosive Gemisch, aus dem Verschwörungstheorien und Paranoia dampfen. Purer Pessimismus ist ein Problem, keine Lösung.

Natürlich kann ein denkender Mensch nicht ohne realistische Weltsicht auskommen. Dazu gibt die Fastenaktion vernünftigen Anstoß: sehen, was nicht in Ordnung ist - aber trotz der Schrecken, die einen beuteln, mit getroster Zuversicht weiterleben. „Sieben Wochen ohne“ macht Mut, die Welt nicht ausschließlich vor dem finsteren Hintergrund zu sehen, den wir momentan erblicken müssen.

Und ja - sie begründet solchen Elan religiös. Christenmenschen vertrauen, wenn sie bei Trost sind, auf einen Gott, von dem sie Inspiration, Kraft und Durchhaltevermögen erwarten. Die eigene Mentalität aufmöbeln, gescheite Perspektiven für eine bessere Welt entwickeln - das braucht schon etwas mehr als allein den eigenen Kopf. Man sieht ja, was passiert, wenn sich einer einspinnt in den eigenen Wahnsinn.

Zum Pessimismus-Fasten verbinden sich heuer wieder evangelische mit römisch-katholischen Zeitgenossen und solchen, die mit Religion eher weniger oder nichts am Hut haben. „Willkommen“ sage ich als Vorsitzende der bundesweiten Aktion. Wir haben Zuversicht nötiger denn je. Denn diese Welt und ihre Menschen sind es allemal wert, einen klaren Kopf und ein tapferes Herz zu behalten.

*Susanne Breit-Keßler war evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern, künftig übernimmt sie den Vorsitz des neuen bayerischen Ethik-Rates. Sie schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne im Bayernteil.

Sie erreichen die Autorin per mail unter: bayern@merkur.de

Quelle: Merkur.de