Über den Umgang mit der Angst

Dabei bleiben und aushalten - Gastkolumne der ehemaligen Regionalbischöfin Susanne Breit-Kessler*

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Susanne Breit-Kessler, ehemalige evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern.

Die Zeit, in der wir leben, verlangt eine Menge an seelischer Kraft. Es braucht Bewältigungsstrategien, um klar zu kommen mit Angst, mit der Ungewissheit, die einem auch Fachleute nicht nehmen können.

Manche, und nicht nur junge Leute, leben nach der sprichwörtlich gewordenen Devise aus der Kinoadaption von Frederick Forsyths Spionageroman „Der Schakal“: „Crisis, what crisis?“ Krise, welche Krise?“ Sie feiern abends Partys am See, stehen dicht an dicht mit den Nachbarn plaudernd mit den Nachbarn zusammen („Abstand, welcher Abstand?“) und finden Corona aufregend, weil sie irrtümlich glauben, unbesiegbar zu sein.

Andere kommen nicht klar mit Kontakteinschränkungen und übersetzen ihre Panik in Lautstärke und Aggression. Kriminologen und Psychologen fürchten einen Anstieg von Gewalt in Familien. Man muss also noch hellhöriger sein als sonst, um gegebenenfalls einzuschreiten oder – wahrscheinlich besser - die Polizei zu holen. Nach Weghören ist mir, wenn die Corona-Krise sanft in geblümter Sinnstiftung versinkt. Nach dem Motto: Irgendwas lernt man dann daraus, die Tiere schlagen zurück oder unsere Welt geht unter, und Neues „will aufblühen“. Alles schon gehört.

Dieser Umgang mit Ängsten reklamiert die Deutungshoheit über die Lage für sich und nimmt Menschen in ihrer Not überhaupt nicht ernst. Das ist unfassbar zynisch. Was also tun? Es ist sinnfrei, die tatsächliche Krise zu leugnen, sie mit nicht vorhandenem Sinn zu verzieren oder aggressiv zu werden. Es geht darum wahrzunehmen, was ist. Nicht flüchten - standhalten. Dabei bleiben und aushalten. Schwer genug. Erkennen wir einfach mal an, dass die momentane Situation Gutes und Schlechtes in unsereinem zum Vorschein bringt.

Da ist die Dame, die den Geschäftsführer sprechen will, weil sie nur ein Paket Toilettenpapier mitnehmen darf. Oder die Krisengewinnler, die Atemschutzmasken so verteuern, dass man den Steigerungssatz kaum mehr ausrechnen kann. Der Mann, der die Verkäuferin im Bäckerladen als „lächerliche Person“ bezeichnet, weil sie auf zwei Meter Abstand besteht. Aber es geschieht auch richtig Großes. Obdachlose bekommen Lebensmittel an zentralen Stellen ausgehändigt. Renommierte Köche bereiten Essen für Pflegepersonal zu.

Kinos setzen Filme zum Preis einer Kinokarte ins Netz. Künstler geben Konzerte zum Streamen. Und da ist der Kampf in Forschung und Medizin um Menschenleben, die unfassbare Hingabe in der Pflege, freundliche Bedienung im Geschäft, tatkräftige Politik in unserem Land, präzise Berichterstattung, Menschen, die zupacken, die sich anrufen und schreiben, die füreinander beten und miteinander singen. Es bleibt dabei: Diese Krise braucht kein Mensch. Aber sie legt offen, dass wir selbst gebraucht werden. Beherzt, diszipliniert und mündig.

*Susanne Breit-Keßler war evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern, künftig übernimmt sie den Vorsitz des neuen bayerischen Ethik-Rates. Sie schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne im Bayernteil.

Sie erreichen die Autorin per mail unter: bayern@merkur.de

Quelle: Merkur.de