Wissen um Vergänglichkeit macht anfällig für Wehmut

Die Stimmung ist zum Glück novembrig - Gastkolumne von Regionalbischöfin Susanne Breit-Kessler*

Susanne Breit-Kessler, evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern.

Viele Menschen sind im November von Melancholie erfüllt - weitaus mehr, als von frühlingshaftem Erwachen, sommerlichem Ungestüm oder winterlicher Gemütlichkeit.

Novembriges Lebensgefühl ist deswegen so intensiv, weil sich in ihm eine Grundtatsache des Lebens widerspiegelt. Die, dass es ein Ende mit der menschlichen Existenz hat. Sie lässt sich verdrängen. Aber sie ist unaufhebbar.

Das Wissen darum, dass alles vergänglich ist, was Menschen sind und haben, das macht anfällig für Wehmut. Was man an Lasten mit sich herumträgt – es kommt unaufhaltsam ans Tageslicht, wenn es ringsumher dunkler und der Verfall in der Natur nur allzu sichtbar wird. Was man von den Vorgängen außen sieht, hört, fühlt und riecht, das findet seinen Widerhall, seine Entsprechung im Inneren.

Was hilft? Die Einsicht, was wirklich wichtig ist im Leben

Wie kann man leben mit der sich wiederholenden Erfahrung, dass alles vergeht? Das depressive Versinken in den eigenen Kissen ist ebenso wenig Antwort wie verzweifelter Aktionismus, der den inneren Schrei nach bleibender Geborgenheit mit Tatendrang zu ersticken sucht. Es gibt Hilfe: Die Einsicht, was wirklich wichtig ist im Leben. Wenn alles vergeht, ist doch nicht alles gleichwertig.

Was trägt einen? Schönheit, Stärke, Erfolg, Ehre und Ruhm, Wissenschaft, Leistung, Besitz, Prestige und Anerkennung? Die Liebe eines anderen Menschen, die eigene Gelassenheit, der Glaube? Die Auswahl muss jeder für sich treffen. Manchmal wandeln sich die Prioritäten, wenn Leben sich verändert: Durch Partner, Kinder, durch den Verlust anderer oder eigene Krankheit.

Wer bedenkt, dass die Dinge des Lebens ein Ende haben, wird eine individuelle Rangfolge von Werten entwickeln können, an deren Spitze das steht, was dem Leben am meisten innere Stabilität verleiht. Das ist das eine. Zu dem lebenslangen Mühen um die Einsicht in Vergänglichkeit gehört aber auch, das Flüchtige, Nichtige deshalb schätzen zu lernen, weil es einem nur für eine Zeit anvertraut ist.

Wärme genießt, wer weiss, dass Kälte wiederkommt; Gesundheit achtet, wer Krankheit durchlitten hat; ein Lachen reißt mit, wen der Kummer lange plagte. Erotik und Zärtlichkeit sind ein Geschenk für die, die sie nicht konsumieren. Menschen sind vergänglich wie alles andere. Gerade deswegen ist die Zeit, die sie miteinander verbringen, kostbar. Novembrige Melancholie ist eine Chance zu verstehen, welch einmaligen Wert dieses Leben hat.

*Susanne Breit-Kessler ist noch bis 1. Dezember evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern. Künftig schreibt sie alle zwei Wochen eine Kolumne im Bayernteil.

Sie erreichen die Autorin per mail unter: bayern@merkur.de

Quelle: Merkur.de