Mein Hocker bleibt, wie er ist

Da hocke ich nun - Gastkolumne von Regionalbischöfin Susanne Breit-Kessler*

Susanne Breit-Kessler, evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern.

Er war alt und sein Lack längst abgesplittert. Für kein Designerstück hätte ich ihn jemals hergegeben – meinen kleinen Hocker, auf dem ich als Kind gerne saß.

Sprachlos vor Glück habe ich damals diesen Schemel mit der kleinen Griffmulde in der Mitte als Geschenk von meinen Eltern entgegengenommen. Fortan war, wo ich war, auch der Hocker: Mein persönlicher Ort in einer winzigen Wohnung, nur für mich reserviert.

Er hatte, anders als manch anderes Möbelstück, jeden Umzug überlebt. Nur den letzten nicht. Er ist verschwunden. Dabei ist er sonst immer als erstes ein- und wieder ausgepackt worden. Jetzt ist er weg. Ich gebe zu, dass ich geweint und Wohnung wie Keller mehrfach durchsucht habe. Nichts. Wahrscheinlich aus Versehen beim Sperrmüll gelandet. Entsetzlich.

Manchmal hänge ich an schäbigen Erinnerungsstücken

Wie viele Menschen hänge ich an manchmal schäbigen Erinnerungsstücken. Neues kommt dagegen nicht an. Bei einem Verkauf von Holzarbeiten aus der Arbeitstherapie in der JVA Stadelheim bin ich überraschend fündig geworden. Ein Hocker! Mit Griffmulde! Keine Frage, dass ich ihn sofort erstanden habe. Er ist von einem Menschen gefertigt, der lernt, stolz zu sein auf das, was er an Gutem und Sinnvollem schaffen kann.

Ich bin dankbar dafür. Der Hocker wird gebraucht. Ich schleppe ihn in die Küche, wenn ich mal wieder zu klein bin, um etwas aus oberen Regalen zu holen. Es ist weitaus würdevoller, auf einem Schemel zu stehen, als in Schräglage auf den Arbeitsflächen balancierend, nach Schüsseln zu angeln. Selbst im Fernsehen wird so ein Hocker verwendet – nicht meiner! – um kleinen Personen zur Augenhöhe mit anderen zu verhelfen.

Der Hocker ist nicht nur mobil, sondern auch flexibel. Ein Griff und los geht es in den Raum, zu dem Ort, an dem er zum Einsatz kommen soll: In den Keller, um dort oben in alten Schränken aufzuräumen; auf den Balkon, um Spinnweben in den Ecken zu entfernen. Es ärgert mich, wenn ihn jemand rücksichtslos als Ablage benutzt, Putzmittel und Hausschuhe darauf abstellt. So kann man mit ihm nicht umgehen!

Wer den neuen, etwas schiefen und rohen Hocker zu Gesicht bekommt und mir empfiehlt, ihn doch abschleifen und richtig lackieren zu lassen, damit er besser aussieht, der kriegt es mit mir zu tun. Mein Hocker bleibt, wie er ist. Er darf verkratzt werden und Dellen bekommen. Er kann künftig die Spuren seiner Jahre tragen und wird gerade dann wegen seiner Erinnerungen von mir fast so heiß geliebt wie der alte. Fast.

*Susanne Breit-Kessler ist noch bis 1. Dezember evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern. Künftig schreibt sie alle zwei Wochen eine Kolumne im Bayernteil.

Sie erreichen die Autorin per mail unter: bayern@merkur.de

Quelle: Merkur.de