Tausend und eine Nacht, und es hat „Zoom“ gemacht

Humanität braucht Reden und Zuhören - Gastkolumne von Regionalbischöfin Susanne Breit-Kessler*

Susanne Breit-Kessler, evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern.

Oft zu beobachten: Ein Mensch erzählt und andere rollen gelangweilt die Augen. Schon wieder! Diese Geschichte ist doch wirklich uralt. Tausendmal gehört, tausendmal ist nix passiert.

In dem Song von Klaus Lage, aus dem diese Zeile stammt, geht es allerdings weiter: Tausend und eine Nacht, und es hat „Zoom“ gemacht. Das ist eine aufregende Einsicht, auch wenn es nicht um eine überraschende Liebesgeschichte geht, sondern darum, dass jemand zum x-ten Mal das Gleiche berichtet.

Bleiben wir zunächst bei der Zahl: Scheherazade, die Tochter eines Wesirs, unterhält einen übellaunigen König tausend und eine Nacht lang mit Geschichten. Sie bringt ihn damit von seiner Mordlust ab und auf den rechten Weg zurück. Und „Zoom“, das ist eine szenische Technik des Näherkommens und des sich wieder Entfernens. Klaus Lage, Scheherazade und Filmkunst sind überaus hilfreich, wenn man innerlich stöhnt, weil Kinder, Jugendliche oder ältere Menschen zu sattsam bekannten Wiederholungen ansetzen.

Bekanntes erscheint plötzlich in neuem Licht

Zum einen ist es für den, der erzählt, wichtig, sich zu erinnern, Geschehenes zu wiederholen und damit durchzuarbeiten. Das allein verdient Respekt und Aufmerksamkeit. Zum anderen aber macht es für die Hörenden, wenn sie denn achtsam sind, oft genug „Zoom“. Nicht beim ersten oder zweiten, sondern tatsächlich erst beim hundertsten oder tausendsten Mal. Ein zuvor nie gehörtes Detail taucht auf. Ein Zusammenhang wird deutlich, den man bislang nicht wahrgenommen hatte. Bekanntes erscheint in neuem Licht.

Man versteht auf einmal, warum jemand die Berge hasst oder im Alter einfach nicht in ein Heim ziehen kann. Der Ekel wird erklärlich, der eine Frau bei einem bestimmten Geruch erfasst. Oder das kindliche Glück angesichts eines schlichten Nudelgerichtes mit Soße, die Verzauberung im Angesicht eines kleinen Holzschemels. Es braucht Raum, Zeit und Vertrauen, damit jemand etwas von sich preisgibt und Ungeahntes enthüllt. Der andere Mensch muss einen halt interessieren.

Und was die Mordlust anbelangt, gegen die Scheherazade tapfer angeredet hat: Eine feinsinnige Erzählkultur braucht nicht allein der Einzelne, sondern jede Gesellschaft. Ein kollektives Erinnern an Gutes und Schönes in der eigenen Geschichte. Ein gedankliches Einfühlen in das, was anderen durch die eigenen Vorfahren an Schrecklichem angetan wurde. Ein inneres Durcharbeiten der Gründe des Unheils, damit dergleichen nie wieder geschieht. Humanität braucht Reden und Zuhören. Mehr als tausend Mal.

*Susanne Breit-Kessler ist noch bis 1. Dezember evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern. Künftig schreibt sie alle zwei Wochen eine Kolumne im Bayernteil.

Sie erreichen die Autorin per mail unter: bayern@merkur.de

Quelle: Merkur.de