„Seufzer des Engels in uns“

Das Schweigen der Glocken - Gastkolumne von Regionalbischöfin Susanne Breit-Kessler*

Susanne Breit-Kessler, evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern.

Kürzlich sagte die Moderatorin Katrin Bauerfeind in einem Gespräch mit Show-Star Ute Lemper, sie sei für die Abschaffung von Kirchenglocken. Die tönten sehr laut und müssten eigentlich gar nicht mehr „tätig werden“.

Man könne sie anschauen, das sei auch schön. Ich machte sofort den Fernseher aus, denn ich hatte plötzlich Störgeräusche in den Ohren.

Leider läuteten gerade die sieben, fast zwölf Tonnen schweren Glocken unserer benachbarten Kirche nicht. Sonst hätte ich die Fenster aufgemacht, um ihnen zuzuhören. Mich stürzt stets in tiefe Irritation, wenn Prozesse nicht bloß gegen stinkende Gülle oder krähende Gockel, sondern auch gegen klingende Glocken geführt werden. Oder medial darüber geklagt wird.

Wessen Geist in den Kritikastern wohl echot? Ruhebedürfnis kann es nicht sein, sonst müsste man die ganze Welt mit ihrem Krach vor Gericht zerren. Glocken sind Harmonie – und in der kann ich jederzeit schlafen, wenn sie erklingt. Zumal es noch nie ein gutes Zeichen gewesen ist, wenn Glocken nicht mehr läuten. Freiheit, Toleranz und Humanität sind dann hinüber.

Gewaltherrscher jeder Couleur bringen mit den Glocken immer auch Menschen zum Verstummen. In Nazi-Deutschland ging das Schweigen der Glocken einher mit dem Schweigen der Menschen angesichts unfassbarer Gräueltaten. Im zweiten Weltkrieg ließen Glocken, zu Kanonen umgegossen und missbraucht, dem Tod das letzte Wort.

Glocken sind für alle da

Inge Scholl schrieb wenige Tage nach der Hinrichtung ihrer Geschwister Hans und Sophie aus der Haft: „Den Turm des Ulmer Münsters konnten wir nicht sehen, aber umso eindrucksvoller seine Glocken hören. Was sie uns zutrugen, kann nur ihr Klang wiedergeben, es ist nicht in Worte zu übersetzen. Die Münsterglocken waren das Jenseits der Zelle, verbindend, nicht trennend, tröstend, nicht verletzend. Sie bewegten die Luft, und die Wellen hoben uns über die Gitter weg, hinaus in die Welt.“

Glocken versinnbildlichen, was wir brauchen: Raum und Ort für Erinnerungen an die Vergangenheit, für konstruktive Auseinandersetzung mit der Gegenwart. Wir brauchen Hoffnung auf Zukunft und den Mut, diese Zukunft anzupacken. Das gilt für Christenmenschen und Atheisten, für Angehörige anderer Religionen gleichermaßen. Glocken sind für alle da.

Glockenklang ist Musik, „Nachklang aus einer entlegnen harmonischen Welt! Seufzer des Engels in uns“, wie Jean Paul sagt. Ich höre für mein Leben gerne täglich die erleichterten, horizonterweiternden Seufzer der Engel. Übrigens: Das Wort Glocke ist mit dem Wort lachen urverwandt. Da könnte die fröhliche Moderatorin doch eigentlich miteinstimmen …

*Susanne Breit-Kessler ist noch bis 1. Dezember evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern. Künftig schreibt sie alle zwei Wochen eine Kolumne im Bayernteil.

Sie erreichen die Autorin per mail unter: bayern@merkur.de

Quelle: Merkur.de