Suchen nach zukunftsträchtigen Lösungen

Geduld - aber schnell: Gastkolumne von Susanne Breit-Kessler*

Susanne Breit-Keßler war evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern, künftig übernimmt sie den Vorsitz des neuen bayerischen Ethik-Rates.

Vor kurzem noch war bei Bewerbungsgesprächen auf die Frage nach der größten Schwäche des Kandidaten in schöner Regelmäßigkeit zu hören: „Ich bin ungeduldig - bei mir muss alles zack zack gehen.“ Natürlich kommt dieses Kokettieren mit der Lust an professioneller Schnelligkeit gut an.

Welcher Arbeitgeber freut sich nicht über Leute, die fix sind, die brennen vor Ungeduld, alles fertigzukriegen. Geschwindigkeit ist keine Hexerei, sondern Alltag.

Nach dem Multi-Tasking kommt Fast Food und flüssige Fast Energy. Man genießt kein gemütliches Nickerchen, sondern nimmt einen Power-Nap, auch Energie-Turbo genannt. Wer Partner sucht, macht Speed-Dating oder trimmt sich attraktiv per Speed-Fitness. Wir leben den Film „Fast and Furious“. Solche Ungeduld kann produktiv sein. Nichts wird auf die lange Bank geschoben: Man räumt den Keller gleich auf, bezahlt Rechnungen sofort und schiebt eine Untersuchung nicht auf die lange Bank. 

Wer innerlich stabil ist, übt sich tatsächlich in Geduld

Und dann kommt Corona. Lock Down, Zwangspause. Lockerungen nur in Etappen. Es braucht endlos Geduld. Überall: Im Home-Office, in der Schlange vor dem Bäcker, beim Warten auf die Öffnung von KiTas, Schulen, Restaurants, Theater und Museen. Es braucht Geduld in Alten- und Pflegeheimen, in Kliniken und während der häuslichen Quarantäne. Geduld? Die einen steigern ihre Betriebsamkeit noch. Sie skypen, mailen oder telefonieren wie die Weltmeister und feiern Videokonferenzen en masse ab. Andere hegen und pflegen Verschwörungsphantasien. Sie fürchten wen auch immer, nur nicht die Realität. Wer dagegen innerlich stabil ist, übt sich tatsächlich in Geduld. Arme kreisen, tief ein- und ausatmen, Augen schließen. Man nimmt sich Zeit für alles, was sonst zu kurz kommt. Diskussionen über Grundrechte, Musik, Bücher, Filme, Pflanzen auf dem Balkon ... und kämpft zugleich gegen aufkommende Gereiztheit an. Eine mühsame, aber ertragreiche Übung gegen innere Verzweiflung oder laute Aggression. 

Corona-Zeiten bedeuten Angst vor Krankheit und Abstieg, Frustration, weil eben nichts einfach wieder normal wird. Diese schweren Wochen sind voller Konflikte, Widersprüchlichkeiten und manchmal erschüttert von persönlichem Leiden. Geduld lehrt, umsichtig mit den eigenen Emotionen umzugehen. Abzuwarten, was kommt, und zu ertragen, was einem aufgebürdet ist. Wer Geduld hat, sucht nicht nach billigen oder dummen, sondern nach zukunftsträchtigen Lösungen. Deshalb kann man nur bitten: „Lieber Gott, gib‘ mir Geduld. Aber schnell.“

*Susanne Breit-Keßler war evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern, künftig übernimmt sie den Vorsitz des neuen bayerischen Ethik-Rates.

Quelle: Merkur.de