Wir zeigen spektakuläre Aufnahmen aus dem Inneren

Das Geisterhotel am Tegernsee: Er lebt noch drin - ohne Strom

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Ex-Hotelier Josef Lederer vor dem Eingang seines früheren Hotels. Er will bleiben, bis das Abrisskommando kommt.

Das Hotel Lederer war einst das erste Haus am Platz. Ein stolzer Bau in Bad Wiessee, direkt am Ufer des Tegernsees. Doch der letzte Gast ist 2009 abgereist. Seitdem wohnt Josef Lederer (78) in einem gespenstisch leeren Haus. Er sieht sich um sein Lebenswerk gebracht. Und er kämpft.

Bad Wiessee Den Schlüsselbund hat Josef Lederer immer parat. „Irgendwann wird er ihn jetzt haben wollen“, sagt der alte Hotelier. Er, das ist Investor Thomas Strüngmann, dessen Familie nun gehört, was Lederer einst von seinem Vater geerbt hat. Das Hotel, dessen Schlüssel Lederer noch immer hütet.

Strüngmann ist mit Zwillingsbruder Andreas als Gründer des Pharmaunternehmens Hexal reich geworden. 2005 haben die beiden ihre Firma an Novartis verkauft, mitsamt ihrem Mehrheits-Anteil an Eon Labs. 5,65 Milliarden Euro hat das gebracht. Das riesige Grundstück an der Seepromenade hat Thomas Strüngmann für seine vier Kinder erworben. Der Unternehmer, am Tegernsee zuhause, will dort etwas bauen, was Bad Wiessee verlorenen Glanz zurückbringt – ein Luxushotel mit Klasse, vom See abgerückt. Die markante Uferspitze wird zum Park umgestaltet. Das alte Lederer soll dafür weg. Dieses Geisterhotel mit der verwitterten Fassade, an dem Touristen verwundert vorbeigehen.

Lederer hat Wohnrecht bis zum Abriss

Es ist seit November 2009 geschlossen. Aber Lederer hat hier ein Wohnrecht, so lange das Hotel steht. Daran hält er fest. „Ich hab ja auch nichts anderes“, sagt er. Mit Haushälterin Anneliese, 86, und vier Pferden will Lederer bleiben, bis das Abrisskommando kommt. Trotzig, stolz, ungebrochen. Auch wenn er alles verloren hat und seine Geschichte eine des Scheiterns ist. Eine lange Geschichte. „Schon mein Vater hat mit der Gemeinde gekämpft“, sagt Lederer.

Er ist überzeugt: Kommune, Behörden und Banken haben ihm übel mitgespielt. Um das zu beweisen, hat er viele Klagen geführt, reichlich Juristen beschäftigt. Ohne Erfolg. Sein letzter Trumpf sind die Fledermäuse, die im First eines der Häuser auf dem Lederer-Areal Unterschlupf gefunden haben. Weil die Tierchen streng geschützt sind, muss ein Gutachter klären, ob der Abriss stattfinden darf. Es war Lederer, der die Naturschutzbehörde auf die Population aufmerksam gemacht hat. Er hofft, Zeit zu gewinnen. Athos, das Familienbüro der Strüngmanns, will den Lederer-Komplex noch in diesem Herbst abreißen.

„Eine Schande ist das“, findet Lederer. Er kämpft noch immer für das Hotel, das sein Vater 1936 gekauft hat. Man könnte es sanieren und wieder zu einer Perle machen, meint er. „Es prägt doch den Ort.“ Doch sein Antrag, das Hotel unter Denkmalschutz zu stellen, lief ins Leere. Lederer will einen neuen Anlauf nehmen. Viele Stunden lang sitzt er in seinem Büro am Computer, formuliert Briefe. Der Strom kommt aus langen Kabeln, die sich durchs Fenster auf den Hof schlängeln. Dort steht ein Kasten, der Lederers Wohnung notdürftig mit Energie versorgt.

Im Überblick: Das Hotel Lederer mit seinen Nebengebäuden liegt an der Wiesseer Seepromenade. Links ist das Spielbankgelände zu sehen.

Strom gibt’s in dem Komplex ansonsten schon seit Juni 2013 nicht mehr. Damals überflutete ein Hochwasser das Parterre des Hotels, zerstörte Nachtclub und Schwimmbad. Der Schimmel hat sich seitdem ausgebreitet, die Mauern sind feucht. Mittlerweile löst sich auch im ehemaligen Speisesaal die Decke, Schutt sammelt sich auf dem verblichenen Teppich. Lederer schaut nicht gern hin. Er setzt sich lieber auf die rotgemusterten Polster im ehemaligen Damensalon, auf dem die gelben Kissen hübsch leuchten. Auch die Vorhänge machen sich noch gut, ebenso die Lampen. Und der Blick aus dem Fenster in Richtung See: phänomenal.

Schon mit 28 Jahren war er ein Hoteldirektor

Der alte Hotelier streift jeden Tag durch die Räume. Unten an der Rezeption liegen noch Zimmerschlüssel, der Ständer mit Ansichtskarten ist fast leer. Hier im Foyer stand früher der Flügel, auf dem Lederer gerne für die Gäste spielte. „Aber den hat das Finanzamt mitgenommen.“ Gepfändet, wegen Steuerschulden. Der Rest des Inventars ist fast vollständig geblieben. Betten, Schränke, Stühle, Geschirr. „Das war denen zu schäbig“, sagt Lederer. Er hat lange gehofft, dass einer kommt, ein Gastwirt mit Leidenschaft, der all das brauchen kann und sein Hotel wieder zur Blüte bringt.

Lederer war 28 Jahre alt, als er das Hotel von seinem Vater übernommen hat. „Sehr jung“, sagt er heute. Aber der Vater war gestorben. „Er hat sich so über den Bau der Spielbank aufgeregt“, sagt Lederer. 1967 war das. Die Gemeinde Bad Wiessee hatte das Casino gleich neben dem Hotel der Lederers hochgezogen. Zu schaffen machte dem Betrieb der große Parkplatz neben der Spielbank. Der Lärm zuschlagender Autotüren, die durch die Nacht hallenden Stimmen auf dem Parkplatz. „Das war eine gewaltige Belästigung“, erklärt sich Lederer. Viele Jahre lang hat er wegen des Spielbank-Betriebs mit der Gemeinde Bad Wiessee gekämpft, sah sich als Geschädigter. Das Casino an dieser Stelle ist inzwischen Geschichte. Die neue Wiesseer Spielbank steht seit 2005 am Ortsrand. Den Altbau hat die Gemeinde im April 2006 abbrechen lassen. „Mitten in der Saison“, zürnt Lederer. Er ist überzeugt: Der Abriss mit Lärm und Staub hat seine Gäste vertrieben.

Der Damensalon im Hotel Lederer sieht aus, als ob gleich wieder Gäste kämen.

Gut ging es dem Haus da schon lange nicht mehr. Der Niedergang des Kurwesens, der dem ganzen Ort schwer zu schaffen machte, traf das Hotel mit voller Wucht. In den besten Zeiten verzeichnete Hoteldirektor Lederer 39 000 Übernachtungen im Jahr. Groß anstrengen mussten sich die Wirte damals nicht. „Die Leute haben in jedem Loch geschlafen“, erinnert er sich. Lederer wollte ein schönes Ambiente bieten, baute um und neu, möbelte Zimmer auf. Aber am Ende hat es nicht gereicht, um weiter Gewinn zu machen. Lederer hätte auf seinem Grundstück gern Wohnungen verkauft, um sich finanziell zu sanieren. Doch seine Anträge scheiterten, mit der Gemeinde lag er beständig im Clinch. Lederer blieb der Kommune Grundstückslasten schuldig, was sich rächte. Im November 2006, nicht lange nach dem Abbruch der Spielbank, strengte der damalige Bürgermeister Herbert Fischhaber mit der Gläubigerbank ein Zwangsversteigerungsverfahren beim Amtsgericht Wolfratshausen an.

Es war der Anfang vom Ende. Bis 2007 führte Lederer sein Hotel noch selbst, danach kamen Pächter. Der letzte, Erwin Steinkogler aus Rosenheim, warf 2009 das Handtuch. Die Zwangsversteigerung rückte näher. Unterdessen träumte der – noch amtierende – Bürgermeister Peter Höß davon, an der Seepromenade etwas völlig Neues entstehen zu lassen. Als Investor stand Thomas Strüngmann bereit. Die Gemeinde verkaufte ihm das Spielbank-Grundstück und setzte darauf, dass der Unternehmer auch das benachbarte Lederer-Areal erwirbt.

Das Problem: Der Verkauf bringt nicht genug Geld

Josef Lederer hätte damals ohne viel Aufhebens an Strüngmann verkaufen können. Aber der Preis war ihm nicht hoch genug. Ganz zu schweigen davon, dass er nicht gern Teil eines Plans ist, den andere machen. „Die Gemeinde war immer nur auf mein Grundstück aus“, ist er überzeugt. Mit viel Wut im Bauch setzte er alles daran, dem Bürgermeister einen Strich durch die Rechnung zu machen. Als Höß mit Strüngmann im November 2011 zum Zwangsversteigerungstermin kam, schob sich im Amtsgericht gerade ein Papier durchs Fax: Lederer hatte am Vortag an die Grünwalder Firma RDR verkauft, für 6,2 Millionen Euro. Strüngmann kam nicht zum Zug, die Pläne der Gemeinde waren geplatzt. „Eine Genugtuung war das“, findet Lederer noch heute. Erst 2015 konnte Strüngmann RDR das Gelände nach langem Preiskampf wieder abkaufen.

Es bröckelt: Im Speisesaal lösen sich Teile der Decke ab. Im Haus schimmelt es.

Der Coup hat Lederer nicht froh gemacht. Das Geld hat kaum für die Gläubiger gereicht. Der Ex-Hotelier ist überzeugt: Statt 6,2 hätte seine Immobilie 9,2 Millionen bringen müssen. Wegen der fehlenden drei Millionen Euro wollte er die Gemeinde und die Kreissparkasse Miesbach-Tegernsee vor Gericht bringen. Doch seine Anträge wurden abgewiesen. Ruhen lässt ihn das bis heute nicht. „Aber jetzt ist es für mich zu spät“, sagt er.

Gehen will Josef Lederer trotzdem nicht – auch wenn er schwer krank ist und seine Wohnung eiskalt. Strüngmann ist sogar einmal selbst vorbeigekommen, um mit ihm zu reden. Seine Anwälte haben Angebote geschickt. Das Unternehmen will eine Lösung, keinen Eklat. Aber Lederer harrt aus. Den Abriss seines Familienbesitzes verhindern, dafür steht er: „Ich bin hier der letzte Soldat.“

2015 machten wir bereits einen Rundgang durch das Hotel

Hotel Lederer in Bad Wiessee - Fotos

Von Christina Jachert-Maier

Quelle: tz