Gutachten verärgert Verfahrensbeteiligte

Kommt Vanessas Mörder jetzt frei?

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Der Mann bei der Tatort-Begehung nach seiner Verhaftung im Jahr 2002.

Augsburg - Kommt Vanessas Mörder bald frei? Vor Gericht entwickelt sich ein Tauziehen. Schuld daran ist ein oberflächliches Gutachten von Gutachter Pantelis Adorf.

Was für ein Justiz-Skandal: Der Messermord an der kleinen Vanessa (12) aus Gersthofen war eines der scheußlichsten Verbrechen in der bayerischen Kriminalgeschichte – und jetzt könnte ihr Killer freikommen, weil es erhebliche Zweifel an der Qualität eines der Gutachten gibt!

Derzeit verhandelt das Landgericht Augsburg, ob ein heute 29-jähriger Mann nach zehn Jahren Jugendhaft entlassen werden kann oder er weiter so gefährlich ist, dass gegen ihn die nachträgliche Sicherungsverwahrung angeordnet werden muss. Zwei Gutachter müssen ihm dafür eine psychische Störung und eine hochgradige Gefährlichkeit attestieren. Das tun die beiden vom Gericht beauftragten Psychiater Ralph-Michael Schulte und Pantelis Adorf auch – Adorf aber in seinem 25 Seiten starken Werk offenbar so oberflächlich, dass sich alle Verfahrensbeteiligten am vergangenen Verhandlungstag die Haare rauften.

Der Würzburger Pantelis Adorf, so etwas wie ein Haus-Gutachter der Augsburger Justiz, kennt den Killer nur aus den Akten. Trotzdem attestierte er dem 29-Jährigen eine „Tendenz zu Fremdschuldzuweisungen“, ein „Nicht-Entwickeltsein von Ur-Vertrauen“ und eine „nicht profunde Ausseinandersetzung“ mit seiner Tat. Dessen Verteidiger Adam Ahmed platzte bei den wissenschaftlich daherkommenden Floskeln der Kragen: „Worauf stützen Sie das?“, fragte er und schimpfte: „Das ist doch kein Gutachten, das ist gar nichts!“ Und Richter Lenart Hoesch rief ihn nicht mal zur Ordnung, als Ahmed noch anfügte, seine Sekretärin hätte das besser gekonnt. Kurz darauf brach die Kammer die Befragung von Adorf ab. „Die Zeit bis zum nächsten Termin will die Kammer nutzen, um darüber nachzudenken, wie es mit diesem Gutachten weitergeht“, sagt Gerichtssprecher Karl-Heinz Haeusler.

Möglich ist, dass nun ein neuer Gutachter bestellt werden muss – der sich aber erst in die Akten einlesen und den ganzen Prozess von Anfang an verfolgen müsste. Dann wäre das jetzige Verfahren geplatzt. Der 29-Jährige, der nur aufgrund eines Unterbringungsbeschlusses weiter in Haft sitzt, müsste dann wohl auf freien Fuß gesetzt werden. Auch die zweite Variante kann den Masken-Mörder nur erfreuen: „Die Richter könnten aufgrund des Kury-Gutachtens guten Gewissens sagen, wir können ihn nicht drin behalten“, sagte ein Insider der tz. Der Freiburger Kriminologe Professor Helmut Kury (70) hatte dem Mann am Montag deutliche Therapie-Fortschritte bescheinigt und eine Haftentlassung unter strengen Auflagen befürwortet.

„Mit Adorfs Gutachten ist eine schwierige Verfahrenssituation eingetreten“, sagte Gerichtssprecher Haeusler. Eventuell kann der 29-Jährige daher schon bald in den Großraum Nürnberg ziehen, den Malerberuf annehmen und eine Beziehung aufbauen – so hat er Gutachter Kury seine Zukunft skizziert. Eine Zukunft, die Vanessas Eltern und die Öffentlichkeit nur beunruhigen kann: Denn auch der Professor sieht eine „mittelgradige Rückfall-Gefahr“.

tz

Quelle: tz