Hausarzt Dr. Ulrich Schaller erhielt diese Woche gerade mal ein Fläschchen Biontech für Erstimpfungen

Hausarzt in München im Impfstress: „Ich habe hunderte Patienten auf der Warteliste“

Sitzt auf dem Trockenen: Dr. Ulrich Schaller, Hausarzt in München-Pasing.
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Sitzt auf dem Trockenen: Dr. Ulrich Schaller, Hausarzt in München-Pasing.

Dr. Ulrich Schaller führt eine Hausarzt-Praxis in München-Pasing mit 1300 Patienten in der Kartei. Als er in unserer Zeitung las, dass am Gymnasium Planegg Schüler ab 16 geimpft werden sollen, wunderte er sich und schrieb uns eine E-Mail – denn bei ihm warten noch viele Risikopatienten auf den ersehnten Pieks. Ein Gespräch über Mangelwirtschaft und seine Impf-Warteliste.

Herr Dr. Schaller, wie viele Impfdosen haben Sie in dieser Woche bekommen?
Schaller: Eine Viole Biontech. Das reicht für sechs Erstimpfungen.
Nur ein Fläschchen? Warum so wenig?
Schaller: Das kann uns keiner sagen. Es ist letztlich Mangelwirtschaft. Ich muss aber sagen, dass ich für Zweitimpfungen mit Biontech mehr Impfstoff bekommen habe – für 42 Personen, also sieben Violen. Außerdem habe ich erstmals für 15 Personen, also drei Fläschchen, Johnson & Johnson bekommen.
Ärgert Sie die spärliche Belieferung?
Schaller: Nein. Es ist eben so. Wenn nicht mehr da ist, kriegt man nicht mehr. Das wissen ja auch die Impfzentren.
Wo bestellen Sie?
Schaller: Als Arzt habe ich eine LANR –eine lebenslange Arztnummer. Mit der darf ich bei einer Apotheke bestellen. Diese gibt es weiter an den Großhandel. Der Großhandel wiederum erfährt – von wem, weiß ich nicht, wahrscheinlich vom Bundesgesundheitsministerium – was er je Arzt liefern darf.
Wie viel haben Sie denn bestellt?
Schaller: Ich könnte 50 oder 100 Impfdosen bestellen, das ist unerheblich und unrealistisch. Meine Apothekerin berät mich, sodass ich meist etwas mehr bestelle, als ich bekomme. Wer maßlos übertreibt erhält vielleicht gar nichts – das will ich nicht riskieren. Hätte ich allerdings eine Gemeinschaftspraxis mit zehn Ärzten, dann hätten wir zehn Nummern und würden dann mehr Impfstoff erhalten.
So erklärt sich vielleicht, warum eine Gemeinschaftspraxis ein ganzes Gymnasium beliefern konnte – die abgesagte Impfaktion in Planegg.
Schaller: So wird es sein. Es sind auch Praxen dabei, die anders als Hausärzte keinen großen Patientenstamm haben.
Fühlen Sie sich denn benachteiligt?
Schaller: Nein. Ich kenne das System. Es ist legal, ob es gerecht ist, das ist aber ein anderes Thema.
Sind Sie sauer auf die Politik, weil die Priorisierung bei den Hausärzten aufgehoben wurde?
Schaller: Nein, ich halte das für richtig. Wir sehen zum Beispiel die hohen Inzidenzen bei den Jugendlichen. Da müssen wir zumindest die Personen ab 16 impfen.

Bevorzugt werden derzeit junge Frauen mit Asthma geimpft

Wer bekommt denn nun Ihre Impfdosen?
Schaller: Biontech bekommen bei mir derzeit junge Frauen mit chronischen Erkrankungen, vor allem Asthma. Ich impfe aber auch unter 60-Jährige nach harter Aufklärung mit Astrazeneca. Ich habe eine Warteliste mit mehreren hundert Patienten.
Das heißt, Sie priorisieren jetzt selbst?
Schaller: Sicher, ich gehe nicht mit der Gießkanne rum, es gibt schon noch viele ungeimpfte Patienten, die bevorzugt geschützt werden müssen. Die Impfverordnung ist ein guter Leitfaden.
Gibt es verärgerte Patienten?
Schaller: Ja, sogar sehr oft gibt es Klagen. Meine Fachangestellten haben da schon ein dickes Fell. Teilweise sind die Telefone bei uns lahm gelegt, Patienten kommen gar nicht mehr durch, da gehen wichtige Termine verloren. Eigentlich bräuchten wir eine eigene Impfstoff-Hotline. Ich kann nur bitten, von Nachfragen abzusehen, wenn man schon auf der Warteliste ist. Meist sind die Patienten nicht informiert über die Lieferschwierigkeiten bei Biontech. Manche sagen mir, Sie haben doch so eine Riesen-Praxis, ich dachte, Sie schwimmen im Impfstoff.
Gibt es auch Aufklärungsbedarf, etwa bei Kreuz-Impfungen?
Schaller: Ja, das sind genau so Fragen, die ich oft beantworten muss. Etwa, dass man nach einer Erstimpfung mit Astrazeneca mit Biontech impfen kann, den Abstand von zwölf Wochen aber einhalten soll. Ebenso, dass Genesene sechs Monate nach der Infektion nicht mit dem Impfstoff von Johnson & Johnson geimpft werden sollen.
Bis wann werden Sie Ihre Warteliste abgearbeitet haben?
Schaller: Ich befürchte, das dauert bis in den Herbst hinein.