Der Geist von Pfingsten

Heilige Aufregung - Kolumne von Susanne Breit-Keßler*

Susanne Breit-Keßler war evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern.
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Susanne Breit-Keßler war evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern und ist Vorsitzende des Ethik-Rates.

Ein Schüler sagte einmal in feiner Selbstironie zu mir: „An Pfingsten kriegen wir nix geschenkt, deshalb kennen wir uns da nicht aus.“ Und dennoch widmet unsere Gesellschaft diesem Fest des Geistes gleich zwei Feiertage.

Selten allerdings wird von seiner Gegenwart gesprochen, seiner Kraft, wenn er wie ein Blitz das Dunkel der Gedanken erhellt, oder den Gaben, die er verleiht. Statt dem einen bevölkert eine Vielzahl von Geistern die Gesellschaft, darunter auch die der diversen Geisterfahrer.

Gefeiert wird im Mai der Geist Gottes, der Heilige Geist

Nicht ein Geist, sondern viele - statt reicher Vielfalt in harmonischer Einheit ein beängstigendes Durcheinander von Stimmen. Welcher Art ist der eine Geist, der im Mai gefeiert wird? Der Geist Gottes, der zu Beginn der Schöpfung über den Wassern schwebte, der Heilige Geist, er ist nach den Schriften des Alten Testaments weiblich. Weiblich wie die Weisheit, die allezeit in der Nähe Gottes weilt, weiblich wie das hebräische Wort, das die Gegenwart Gottes umschreibt.

Für den Kirchenvater Augustin bedeutet Geist im Rückschritt dazu männliche Rationalität und Vernunft. Ihm galten Körper, Sinne und Gefühl als weiblich-dubioser Bereich des „Fleisches“. Geist setzt er mit Mann und Vernunft gleich; Emotionalität mit Frau und Unverstand. Auch Kirchenväter irren. Die strikte Trennung von Vernunft und Gefühl ist eine heillose Scheidung mit katastrophalen Folgen für das Zusammenleben und die Fortentwicklung der Gesellschaft.

Rationalität ist notwendige Klarheit der Gedanken, Einsicht in Ursachen und Folgen, Umsicht im Handeln. Wo aber Emotionalität fehlt, mangelt es an einem entscheidenden Element der Wahrnehmung. Das Gefühl ist Ort der selbstständigen Auseinandersetzung des Individuums mit seiner Umwelt. Gerade der, der die Individualität zu verdrängen sucht, übersieht, dass sich in ihm die innersten Kräfte unkontrolliert auswirken, mehr noch, dass er eines Teils seiner kreativen Fähigkeiten verlustig geht.

Das Wort Geist hängt zusammen mit geisa, aufregen, außer sich bringen. Es gibt reichlich Anlass, sich heute geistreich aufzuregen: über Kinderarmut, darüber, dass Menschen im Alter das Nötigste fehlt, über niedrige Gehälter in der Pflege und bei Erzieherinnen. Diese Art von intelligenter, einfühlsamer Aufregung macht fähig, klar zu denken und umsichtig zu handeln. Der Geist von Pfingsten, den man tatsächlich geschenkt kriegt, der vereint Vernunft und Gefühl. Und damit sollte man sich dann schon auskennen.

* Die frühere evangelische Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler ist Vorsitzende des Ethik-Rates.