Luther und sein Vertrauen, dass Gott helfen kann

Hier stehe ich! - Kolumne von Susanne Breit-Keßler*

Susanne Breit-Keßler war evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern
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Susanne Breit-Keßler war evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern

500 Jahre ist es an diesem Samstag her, dass der Mönch Martin Luther vor Kaiser, Vaterland und den Abgesandten des Papstes auftrat, um seine Kritik an der Kirche überzeugend zu verteidigen.

Oft wird erzählt, dass der Reformator am Schluss seiner Erklärung gesagt haben soll: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen!“ Der Augsburger Abgeordnete und politische Berater Konrad Peutinger, der in Worms anwesend war, berichtet, dass Luther sagte: „Got kum mir zu hilf.“

Da steht einer vor den politischen und religiösen Potentaten seiner Zeit. Er traut sich, sämtliche Missstände aus guten theologischen Gründen anzuprangern. Er weiß, dass das Kirchen- und weltliche Fürsten wenig amüsiert. Der Auftritt Luthers war couragiert. Er hat sich konsequent nach viel innerem Ringen auf sein Gewissen berufen. Das machen Menschen immer wieder. Das Bundesverfassungsgericht hat Gewissensentscheidungen als „ein unmittelbar eindeutiges Gebot unbedingten Sollens“ bezeichnet.

Individuelle Gewissensentscheidungen bedeuten keinesfalls Narrenfreiheit

Es trägt, so die höchste juristische Instanz, „den Charakter eines unabweisbaren, den Ernst eines die ganze Persönlichkeit ergreifenden sittlichen Gebots“. Individuelle Gewissensentscheidungen - gleich in welcher Frage - bedeuten keinesfalls Narrenfreiheit. Entscheidungen des eigenen Gewissens, bei denen das Wohl von Mitmenschen und die Verantwortung für sie auf dem Spiel stehen, müssen plausibel gemacht, zumindest aber zur Diskussion gestellt werden. Das versucht Luther – erfolglos.

Bei den Mächtigen seiner Zeit brauchte er nicht mehr mit innerer Dynamik zu rechnen. Die hatten keine Lust auf inhaltlich qualitative Auseinandersetzungen. Dafür verhöhnt er sie nicht, wie das heute oft gemacht wird, wenn man zu anderen Ansichten kommt als die, die entscheiden und sich echt Gedanken gemacht haben. Luthers wirklich entscheidender Satz aber ist der: „Gott, komm mir zur Hilfe!“ Da steht einer, der nicht nur auf eigene Klugheit, auf eigene Macht, Medien und Maßnahmen baut.

In der Präambel der Bayerischen Verfassung ist die Rede von einem „Trümmerfeld“, zu dem „eine Staats- und Gesellschaftsordnung ohne Gott, ohne Gewissen und ohne Achtung vor der Würde des Menschen die Überlebenden des zweiten Weltkrieges geführt hat“. Ob man ein gläubiger Mensch ist oder nicht: Es mag einen schon bewegen, dieses Zutrauen, dass Gott helfen kann – und die feste Überzeugung, der Allmächtige lasse sich tatsächlich anrühren vom Gebet eines Menschen.

„Got kum mir zu hilf.“ Luther verliert sich nicht an sich selbst. Er legt einem anderen die Welt und ihr Seelenheil entschlossen und bittend ans Herz. Bei allen eigenen Fähigkeiten in Kirche, Staat und Gesellschaft: Solche Demut ist zum Wohl der Menschen allemal besser, als bloß auf die eigene Großartigkeit zu vertrauen. Auch heute.

*Die frühere evangelische Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler ist Vorsitzende des Ethik-Rates.