Große und kleine Herzenswünsche ans Christkind

Die Hoffnung in Briefumschlägen: Drei Wunschzettel und ihre Geschichten

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Ein Wunsch und ein Versprechen: Elisabeth Neubauers Sohn bekam einen Spielgefährten.

Nie wird so viel Hoffnung in Briefumschläge gesteckt wie in der Weihnachtszeit. Das Wunschzettelschreiben ist ein Brauch, der nicht aus der Mode kommt. Und selbst nach vielen Jahren als Profi-Wunscherfüller muss das Christkind bei manchen großen und kleinen Herzensangelegenheiten kräftig schmunzeln. Ein paar besondere Wunschzettel hat es gut aufbewahrt – und uns weitergeleitet

Die höfliche Bitte

In der Weihnachtszeit holt Elisabeth Neubauer aus Attenkirchen (Kreis Freising) gerne ihre kleine Schatztruhe raus. Und jedes Jahr muss sie schmunzeln, wenn sie sie öffnet. Immer dann, wenn sie einen Wunschzettel aus dem Jahr 2001 in der Hand hält. Ihr Sohn war damals zehn – und felsenfest überzeugt, dass Wünsche in Erfüllung gehen, wenn man höflich darum bittet. „Dieses Jahr bin ich etwas bescheidener als letztes Jahr, das verspreche ich“, schrieb er in seiner schönsten Schreibschrift. Er hatte nur einen einzigen Wunsch: „einen kleinen verspielten Spielkameraden“ – einen Wellensittich. „Bitte einen jungen, noch gesprächsbedingten“. Und nur, um alle Gegenargumente von vorn herein zu entkräften, ergänzte er: „P.S. Ich würde mich auch um ihn kümmern, Ehrenwort!“ Elisabeth Neubauer lächelt und sagt: „Wie hätte das Christkind damals Nein sagen können.“

Das Wunschzettelschreiben war eine feste Tradition. Und Elisabeth Neubauer hofft, dass sie sie eines Tages an Enkelkinder weitergeben kann. Als sie den alten Wunschzettel neulich wieder einmal gelesen hat, hat sie sich gefragt, um was sie das Christkind in diesem besonderen Jahr bitten würde. Es sind drei Wünsche: Gesundheit, Zufriedenheit und Frieden. „Wir sollten in dieser besonderen Zeit alle zusammenrücken“, sagt sie.

Die Tabelle

Wünsche als Sammelbestellung: Rotraut Ackers Familie schickte dem Christkind 1951 eine Tabelle.

Weihnachten 1951 war noch mehr Bescheidenheit gefragt als im Jahr 2001. Die Familie von Rotraut Acker musste sich damals sogar das Papier für den Wunschzettel teilen. Sie haben den Zettel in sieben gleich große Spalten eingeteilt – für jeden eine. Es muss ein schneereicher Winter gewesen sein. Denn bei der damals sechsjährigen Rotraut und ihren vier älteren Geschwistern waren Ski, Skistöcke, Schneebrillen und Skikleidung sehr gefragt. Sie hat an dieses Weihnachten in der Nachkriegszeit kaum noch Erinnerungen. „Vielleicht rührt mich dieser Wunschzettel deshalb so“, sagt sie. „Wir waren damals mit Kleinigkeiten so zufrieden.“ Schmunzeln muss die Rentnerin aus Grafing (Kreis Ebersberg) vor allem darüber, wie sie ihre Wünsche notiert hat. Sie war damals erst vier Monate in der Schule, die Rechtschreibung also noch nicht ausgereift. Deshalb musste das Christkind wohl gelegentlich etwas grübeln. Zum Beispiel bei „Tige Sogen“ oder beim „Bubenwagen“. Die dicken Socken hat sie bekommen, der Puppenwagen blieb ihre ganze Kindheit über ein unerfüllter Wunsch. Obwohl sie höflich „bide“ ans Ende ihrer Spalte geschrieben hatte. Manchmal würde Rotraut Acker gerne noch mal so unbekümmert wünschen, wie als Sechsjährige, sagt sie. „Mein Wunsch in diesem Jahr ist alles andere als unbeschwert“, sagt sie. „Die Befreiung von der Pandemie.“

Die bescheidene Frage

Das vergessene Weihnachten: Ursula Wolf hat nur eine Erinnerung an den Heiligen Abend 1946 - ihren Wunschzettel.

Ursula Wolf hat nicht viele Kindheitserinnerungen. „Vieles habe ich vermutlich einfach aus dem Gedächtnis verdrängt“, sagt sie. Dazu zählt auch das Weihnachtsfest im Jahr 1946. Ein bitterkalter Hungerwinter. Wolf war damals acht Jahre alt. Heute ist sie 82 – und hat es geschafft, sich zumindest einen Teil ihrer Erinnerungen zurückzuholen. Das verdankt sie einem kleinen Stück Papier, das ihre Mutter immer aufbewahrt und ihr irgendwann vererbt hatte. Es ist ein Wunschzettel, den Ursula Wolf damals in einer eisig kalten Baracke in einem kleinen Dorf nahe der holländischen Grenze geschrieben hatte, nachdem ihre Familie aus Schlesien vertrieben worden war. „Wir hatten damals gar nichts“, erzählt sie. Entsprechend bescheiden sind ihre Wünsche ans Christkind ausgefallen. „Dieses Jahr bist du sicher sehr arm, darum kannst du mir nicht viel bringen“, schrieb sie. „Aber so viel wirst du doch noch haben. Bitte bringe mir: Einen kleinen Kasten, einen Keks und ein Bonbon. Oder ist das schon zu viel?“ An die Kälte von damals kann sich Ursula Wolf noch erinnern – ob das Christkind ihre Wünsche damals erfüllt hat, weiß sie nicht mehr. Vermutlich nicht. Es war eine Zeit, in der Wünsche oft unerfüllt blieben. Traurig macht sie diese Erinnerung aber nicht – im Gegenteil. „Ich bin immer positiv durchs Leben gegangen“, sagt Wolf, die in Garmisch-Partenkirchen eine neue Heimat fand. Deshalb hat sie dieses Jahr nur einen einzigen Wunsch: Gesundheit. „Alles andere kann man selbst bewerkstelligen“, sagt sie. Das hat sie vom Leben gelernt.

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