Ihr Schicksal macht sprachlos

Im Krankenhaus schwer verletzt: Ingeborg Scheuer (66) fordert Gerechtigkeit

+
Ein Rollator ist Ingeborg Scheuers ständiger Begleiter. Sie leidet unter starken Schmerzen.

Das Schicksal der Schongauerin Ingeborg Scheuer macht sprachlos. Vor vier Jahren wurde die damalige Bluthochdruck-Patientin von der Eingangstür des Schongauer Krankenhauses erfasst und schwer verletzt. Bis heute kämpft die 66-Jährige um eine angemessene Entschädigung.

Schongau– Ingeborg Scheuer möchte nichts anderes als „Gerechtigkeit“, sagt sie. Vor gut vier Jahren hatte die heute 66-Jährige im Schongauer Krankenhaus ihren hohen Blutdruck behandeln lassen. „Ich war zum Einstellen da“, erinnert sie sich. Als sie mit einer Bekannten, die damals in der Küche der Klinik gearbeitet hatte, vor die Tür gehen wollte, um eine Zigarette zu rauchen, passierte das Unfassbare: Scheuer wurde von der Schiebetür erfasst und stürzte. Nach Angaben ihres Hausarztes brach sie sich das Steißbein, wurde am unteren und oberen Schambein verletzt und trug zwei Beckenfrakturen davon. „Ich hatte solche Schmerzen, das kann man sich gar nicht vorstellen“, erinnert sich Scheuer. Die Schongauerin wurde von der Inneren in die chirurgische Abteilung des Krankenhauses verlegt, nach einigen Wochen ging es in die Reha nach Enzensberg.

Die 66-Jährige ist heute zu 100 Prozent schwerbehindert. Die Behinderung ist laut ihres Hausarztes Martin Kayser zwar keine Folge des Unfalls vor vier Jahren, sondern rührt von mehreren anderen Krankheiten her; unter anderem leidet Scheuer an einer chronischen Bronchitis. Doch geblieben sind chronische Schmerzen im Beckenbereich: „Chronisches Schmerzsyndrom im Stadium drei“, nennt es ihr Arzt. Ob dieses eine Folge des Unfalls im Krankenhaus ist, darüber streiten die Parteien vor dem Münchner Landgericht.

Vertreten wird Scheuer dort von dem Schongauer Rechtsanwalt Bernhard Mehr, der tut, was er kann. Das größte Problem der heute 66-Jährigen sei es zunächst gewesen, dass es keine Zeugen des Unfalls gab, erläutert der Anwalt. Die Bekannte, die vorausgegangen war, hatte nichts gesehen. „Frau Scheuer hat die Forderung dann an mich abgetreten, und ich habe sie als Zeugin benannt“, erklärt Mehr den juristischen Schachzug.

Das Gericht beauftragte einen Gutachter, der die Krankenhaustür in Augenschein nehmen sollte. Doch der Experte musste unverrichteter Dinge wieder nach Hause gehen. Laut Mehr war die alte Tür ausgebaut und vernichtet worden. „Das war fahrlässig, die Tür hätte zumindest aufbewahrt werden müssen“, betont der Anwalt. Das Gericht sah es seinen Angaben nach ähnlich, die sogenannte Beweislastumkehr trat in Kraft. Die Klinik musste also selbst Beweise für ihre Unschuld vorlegen. Zuvor sei nur behauptet worden, Frau Scheuer sei selbst schuld gewesen, erläutert ihr Anwalt.

Eine Entschädigung war deshalb noch lange nicht in Sicht. Zunächst wurde ein weiteres – diesmal medizinisches – Sachverständigen-Gutachten in Auftrag gegeben, das die Spätfolgen des Unfalls beleuchtet. Laut Anwalt Mehr kam der Gutachter unter anderem zu dem Ergebnis, dass die Frakturen des Schambeinastes rechts und des linken Flügels des Kreuzbeines auf den Unfall im Krankenhaus zurückzuführen waren. Dem Experten leuchtete allerdings nicht ein, warum Scheuer bis heute auf einen Rollator angewiesen ist. „Zu diesem Gutachten wurden durch die Rechtsanwälte wechselseitige Schriftsätze ausgetauscht. Seitdem hängt es im Nirwana“, so Mehr.

Entsprechend deprimiert ist die 66-Jährige. Ihren Alltag kann sie aufgrund der Schmerzen nur sehr schwer allein bewältigen. Sie ist auf die Hilfe ihres 39-jährigen Sohnes angewiesen. Er hält die Wohnung in Schuss und steht seiner Mutter zur Seite. Vor die Tür der Wohnung an der Münzstraße geht die 66-Jährige nur noch mit ihrem Rollator. Ihre Wut auf das Krankenhaus ist nach wie vor enorm. 1000 Euro Entschädigung habe man ihr damals angeboten, berichtet die ehemalige Reinigungskraft, die eine mickrige Rente bezieht. Sie habe das abgelehnt. „Das ist eine Frechheit!“ Auch ihr Anwalt hält das Angebot „für einen Witz“. Der Jurist hält einen Schmerzensgeldbetrag in Höhe von 10 000 bis 15 000 Euro „im Hinblick auf die Dauer der Krankenhausaufenthalte, die erlittenen Schmerzen sowie der psychologischen Belastung durch die Dauer des Verfahrens für angemessen“.

„Meine Psyche ist ziemlich angekratzt“, sagt sie selbst, bleibt aber tapfer: „Ich bin ein Stehaufmännchen. Ich möchte keine Reichtümer, ich will nur Gerechtigkeit.“

Die Klinik bestätigt auf Anfrage nur, dass es damals zu einem Unfall gekommen war und der Schaden der Versicherung gemeldet wurde. Nähere Angaben machte die Krankenhaus GmbH mit Hinweis auf den Datenschutz und das laufende Verfahren nicht.

Quelle: tz