„Sägen den Ast ab, auf dem wir sitzen“

Insektenforscher erklärt: Darum unterschreibe ich fürs Volksbegehren zum Artenschutz

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Schmetterlingsforscher Andreas Segerer bei der Arbeit.

Andreas Segerer ist Schmetterlingsexperte und Oberkonservator an der Zoologischen Staatssammlung in München. In seinem Buch „Das große Insektensterben“ beschreibt der 57-Jährige, wie er unfreiwillig zum „Sterbebegleiter der Artenvielfalt“ wurde.

Die Forderungen im Volksbegehren „Rettet die Bienen“, für das sich Bayerns Bürger ab dem 31. Januar in den Rathäusern eintragen können, sieht er als wichtigen Schritt zur Trendwende.

Herr Segerer, werden Sie für das Volksbegehren unterschreiben?

Selbstverständlich, beim erstmöglichen Termin. Und ich hoffe, dass es viele andere auch tun werden.

Der Zeitpunkt ist nicht gerade günstig. Wer denkt schon mitten im Winter an Insekten.

Das stimmt, aber ich bin trotzdem sehr optimistisch. Ich war bei mehreren Veranstaltungen der Aktionsbündnisse in München und Regensburg, und da sieht man, dass viel Unterstützung da ist. Jetzt gilt es, die Trägheit der Masse zu überwinden.

Gibt es einen Punkt in dem Maßnahmen-Bündel, den Sie als Insektenforscher besonders wichtig finden?

Das Paket macht die Wirkung. Die Maßnahmen bewegen sich zwar nur im Rahmen des auf Landesebene Möglichen. Es darf ja kein Bundesgesetz tangiert und auch der Haushalt nicht zusätzlich belastet werden. Trotzdem sind aus Sicht der Wissenschaft elementare Dinge drin, die seit Jahren angemahnt werden.

Zum Beispiel?

Einen Biotopverbund zu schaffen, ist ganz wichtig – weil große Teile der alten Kulturlandschaften kaputt gegangen sind. Übrig sind nur noch kleine Überlebensinseln, zwischen denen kein Austausch möglich ist. Das führt zu genetischer Verarmung. Auch bei den verpflichtenden Uferrandstreifen wäre es höchste Zeit zu handeln. Es ist ein Skandal, dass Bayern hier immer noch auf Freiwilligkeit setzt – denn die Praxis beweist leider, dass das nicht funktioniert.

Kleinbäuerliche Betriebe sollten mehr gefördert werden

Warum ist mehr Ökolandbau für die Artenvielfalt so wichtig?

Unsere eigenen, bislang noch unveröffentlichten Forschungen zeigen, dass im Umfeld ökologisch bewirtschafteter Flächen fast dreimal so viel Biomasse zu finden ist, wie rund um konventionelle bewirtschaftete Flächen. Bei meinem Spezialgebiet, den Schmetterlingen, sind es fast doppelt so viele Arten. Unbedingt sollten aber auch die kleinbäuerlichen Betriebe noch mehr gefördert werden, denn dort ist die Artenvielfalt ebenfalls größer – selbst wenn die Betriebe konventionell wirtschaften.

Die Initiatoren des Volksbegehrens wollen den Bauern sogar vorschreiben, in welche Richtung sie ihre Wiesen mähen sollen. Geht das nicht zu weit?

Das mag pingelig klingen, aber alles, was nicht verboten ist, wird halt auch gemacht. Wenn man von innen nach außen mäht, haben die Tiere eben noch eine Chance, abzuhauen.

„Eigentlich bräuchten wir eine drastische Beschränkung“

Reichen die Maßnahmen im Volksbegehren aus, um das Insektensterben zu stoppen?

Eigentlich bräuchten wir eine drastische Beschränkung beim Einsatz von Dünger und Gülle. Da reicht die aktuelle Düngeverordnung bei Weitem nicht aus. Wir sind global so überdüngt, dass sich über die Luft irre Mengen an Stickstoff überall niederschlagen – auch in Naturschutzgebieten. Was allein aus der Luft an Stickstoff runterkommt, entspricht der Menge, die man den Bauern in den 1920er-Jahren empfohlen hat, auf die Felder auszubringen. Außerdem sollten Pestizide aus meiner Sicht nur noch bei größeren Plagen eingesetzt werden dürfen. Ich weiß, dass das zum Teil illusorisch und auf Landesebene nicht zu lösen ist. Trotzdem bin ich sicher, dass die Maßnahmen des Volksbegehrens eine substanzielle Verbesserung bringen würden.

In Ihrem Buch schreiben Sie, die Suche nach der Ursache des Artensterbens gleiche dem Versuch, einen glitschigen Fisch zu greifen.

Viel wird zu Unrecht einseitig auf die Bauern geschoben. Die industrielle Landwirtschaft ist nur eine Ursache – wenn auch eine sehr bedeutende. Massiv wirkt sich auch die stetige Flächenversiegelung aus. Und natürlich spielen die Emissionen aus Industrie und Verkehr eine gewisse Rolle. Der Zustand unserer Natur ist ein systemisches Problem. Unser Land wird leider alles andere als nachhaltig bewirtschaftet. Wenn wir unseren ökologischen Fußabdruck betrachten, leben wir in Deutschland hochgerechnet auf Kosten von 3,2 Planeten Erde. Wenn ich von meinem Konto jeden Monat dreimal so viel abhebe, wie Gehalt reinkommt, ist doch klar, dass ich unwiderruflich pleite gehe. Und die Rechnung zahlen unsere Kinder und Enkel. Wir sägen uns den Ast ab, auf dem wir sitzen.

Kriegen wir noch die Kurve?

Da bin ich hin- und hergerissen. Leider geht Profit immer noch häufig vor Gemeinwohl. Anscheinend tut es noch nicht weh genug. Solange die Supermärkte voll sind, lässt sich das Problem gut verdrängen. Aber die Pleite wird kommen, wenn wir so weitermachen. Dann wird es uns ergehen wie den Ureinwohnern der Osterinsel, die einen derartigen Raubbau auf ihrer isolierten Insel betrieben haben, dass sie beinahe ausgestorben wären. Was auf der Osterinsel im Kleinen passiert ist, geschieht gerade auf der Erde im Großen.

Interview: Dominik Göttler

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Quelle: Merkur.de