Auf Entdeckungsreise mit dem Koran

Wie läuft Islamunterricht in Bayern ab? Ein Schulbesuch

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Den Koran in der Hand, das Grundgesetz im Lehrplan: Amina Ben Halima gibt einer 7. Klasse der Mittelschule Islamunterricht in deutscher Sprache. Die Schüler kommen aus verschiedenen Kulturen und sprechen mit ihr über den Islam und die anderen Weltreligionen. 

Muslimische Kinder an 350 bayerischen Schulen gehen statt in Ethik in den Islamunterricht. Ob das Modell Zukunft hat, entscheidet sich 2019. Doch wie läuft so eine bayerische Islamstunde überhaupt ab? Wir haben mit einer siebten Klasse den Koran entdeckt.

München – Um was es geht, hält sie noch geheim. Die Islamlehrerin Amina Ben Halima steht mitten im Klassenzimmer vor einem Tisch, der mit einem grünen Gebetsteppich bedeckt ist. Was auf dem Teppich liegt, verbirgt ein leuchtend grünes Tuch. Um Ben Halima herum trudeln die Schüler der Klassen 7a und 7b der Mittelschule München-Ridlerstraße ein. „Salam alaikum“, begrüßt die Lehrerin die Kinder. „Wa alaikum as-salam“, schallt es im Chor zurück. Und dann noch einmal auf Deutsch: „Friede sei mit euch – Friede sei auch mit dir.“ 14 Siebtklässler lassen sich auf ihre Stühle fallen.

Ben Halima, 53, trägt einen dunkelblauen Blazer, dazu einen dunkelblauen Rock mit weißen Punkten, dazu pink lackierte Fingernägel. Kein Kopftuch bändigt das schulterlange, braune Haar. Seit über zehn Jahren gibt die gebürtige Tunesierin, die 1986 nach Deutschland kam, an der „Ridler“ Islamunterricht. Knapp die Hälfte der Schüler dort sind Muslime, an der Klassenzimmerwand hängen 20 bunte Flaggen – für die Herkunftsländer der Kinder von Deutschland, Serbien über die Türkei bis Afghanistan und Sierra Leone.

So unterschiedlich wie ihre Herkunft ist auch das religiöse Vorwissen. „Manche meiner Schüler beten fünf Mal am Tag, andere waren noch nie in einer Moschee“, erzählt Ben Halima. „Wichtig ist, dass wir am Schluss einen gemeinsamen Weg haben.“

Bevor die Lehrerin den Gegenstand vor sich auf dem Tisch enthüllt, nimmt sie ihre Schüler mit auf eine Fantasiereise. Den Kopf auf die verschränkten Arme gebettet, lauschen die Siebtklässler mit geschlossenen Augen der Erzählung von einem Wüstenspaziergang unter stechender Sonne und über heißen Sand. Ben Halima trägt den Text auf Deutsch mit sanftem Akzent vor, der Arabisch oder Französisch sein könnte. Beides hat sie unterrichtet, bevor sie sich an der staatlichen Akademie zur Lehrerfortbildung im schwäbischen Dillingen zur Islamlehrerin fortbildete.

Der Gang durch die Wüste endet im kühlen Dunkel einer Felshöhle. Kein Zufall: In einer solchen offenbarte laut Überlieferung der Engel Gabriel dem Propheten Mohammed im Jahr 610 erstmals eine Koran-Sure. Als die Kinder wieder ihre Augen öffnen, zieht die Lehrerin das Tuch beiseite. Auf einem mit Intarsien verzierten, hölzernen Klappständer ruht ein Koran. „Das wahre Gotteswort für uns Muslime“, sagt sie.

Wie Siebtklässler nun mal so sind, hält sich die Ehrfurcht in Grenzen. Die einen warten neugierig, wie es weitergeht, andere nutzen die Gelegenheit für ein kurzes Schwätzchen mit dem Banknachbarn. Einem Schüler kullert der Filzstift von der Bank, mit dem er sich abgelenkt hatte.

Eine Umfrage unter den Kindern ergibt, dass es beim Wissen um die Gottesbotschaft noch Nachholbedarf gibt. „Es ist alles wichtig, was drinsteht“, sagt Anton und zeigt ein Zahnspangenlachen. „Er darf nicht ohne rituelle Waschung angefasst werden“, sagt Serval, eine von zwei Kopftuchträgerinnen unter den sechs Mädchen in der Klasse. „Das ist ein Diskussionspunkt“, erwidert Ben Halima und erklärt, dass es Muslimen in armen Ländern, wo das Wasser knapp ist, auch nach einer sogenannten Sandwaschung erlaubt ist, das Heilige Buch anzufassen.

Weiter geht’s mit der Faktensammlung: Der Koran besteht aus vielen Suren, ist mit schönen Mustern verziert und auf Arabisch geschrieben, das in der Klasse bis auf Amina Ben Halima niemand lesen kann. Das war’s so ziemlich. Mit der Hilfe der Lehrerin klappt es aber mit einem Tafelbild, auf dem die wichtigsten Fakten zum Koran gesammelt sind – dass darin Regeln für das Leben in Familie und Gemeinschaft stehen, dass es genau 114 Suren mit 6236 Versen sind, zum Beispiel.

Das Gelernte tragen die Schüler in ihr Islam-Heft ein, rund um das Bild eines Koran-Buchdeckels. „Einkleben, heute noch!“, mahnt Ben Halima ein paar Trödler zur Eile. Auf den Heftseiten davor finden sich Einträge zu den Kinder- und Menschenrechten, zu christlichen Adventsbräuchen, zur jüdischen Thora, zu Moses, der als Musa ein bedeutender Prophet des Islam ist und dem Exodus aus Ägypten.

Der Islamunterricht soll mehr als Religionsunterweisung sein, er ist Kulturkunde querbeet. „Die Kinder vermischen oft Kultur und Religion“, sagt Ben Halima. „Das versuche ich zu trennen.“ So sieht es der Modellversuch vor, der als freiwillige Alternative zum Ethikunterricht noch bis 2019 an rund 350 bayerischen Schulen läuft. Der Lehrplan stammt aus dem Kultusministerium, das auch die Lehrer ausbildet und auf die Verfassung vereidigt. Eine Kooperation mit muslimischen Verbänden gibt es nicht, betont man dort. Die Inhaltsschwerpunkte: Wissen über den Islam und die anderen Weltreligionen sowie die Werteordnung des Grundgesetzes und der bayerischen Verfassung.

Genug Stoff für viele weitere Stunden. Für heute haben die Siebtklässler aber genug gelernt, befindet Ben Halima. Am Ende bleibt Zeit für ein Geburtstagsständchen auf Deutsch, Türkisch und Arabisch für Salma, die heute 13 geworden ist. Schließlich wird es noch einmal förmlich: Kinder und Lehrerin heben die Handflächen über den Tisch nach vorn und sprechen gemeinsam das „Salah“, das islamische Gebet, das mit dem christlichen Vaterunser vergleichbar ist. Dann schellt der Gong. Es ist Pause.

Quelle: Merkur.de